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ESTAS –Die Geschichte einer Solinger Stahlwarenfabrik von 1920 bis in die 1970er Jahre (Max Sommer --- Wilhelm Eickenberg)

MaydayGuard

Very Active Member
Hallo zusammen,

ich möchte in diesem Thema nach und nach mehrere Rasiermesser aus meiner Sammlung vorstellen, die den Markennamen ESTAS tragen.
In einem anschließenden Beitrag soll es dann nicht nur um die Messer selbst gehen, sondern auch um die interessante Geschichte der Solinger Stahlwarenfirmen Max Sommer und Wilhelm Eickenberg, die eng mit der Marke ESTAS verbunden sind.
Ich hoffe, die gezeigten Stücke und die historischen Hintergründe stoßen auf euer Interesse.

Dieses Rasiermesser, das ein Urlaubsmitbringsel aus einem Antikladen in Sienna (Italien) ist, wurde von der Firma Max Sommer in Solingen-Wald hergestellt.
Es besitzt eine vollhohl ausgeschliffene 4/8"-Klinge, auf der sich eine geätzte Verzierung sowie der Schriftzug „EDELSTAHL“ befinden. Mit Sicherheit ist damit jedoch nicht der rostfreie Stahl gemeint, den wir heute mit diesem Begriff verbinden.
Auf der Vorderseite des Erls findet sich das bekannte Motiv „Mann mit Pflanze“ zusammen mit dem Markennamen ESTAS. Die Klinge trägt die Nummer 43.
Die Rückseite zeigt ebenfalls das Motiv „Mann mit Pflanze“ sowie die Angaben „Max Sommer“ und „Solingen-Wald“. Daraus schließe ich, dass das Messer nach 1929 gefertigt wurde.
Obwohl die Klinge mit einer Breite von nur 4/8" eher zu den kleineren Vertretern ihrer Art gehört, überzeugt das Messer bei der Rasur auf ganzer Linie. Es liegt angenehm in der Hand, ist sehr führig und liefert ein ausgesprochen gründliches und sanftes Rasurergebnis.

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Es folgt ein weiteres Rasiermesser aus der Produktion von Max Sommer.

Auf den ersten Blick handelt es sich um eine klassische 14er-Klinge, die sich bei näherer Betrachtung jedoch in einigen Details von den bekannten Vertretern dieser Gattung unterscheidet. Der Erl ist mit einer dekorativen Erlblume verziert, und auch die Klingenbreite weicht leicht vom üblichen Maß ab. Statt der oft anzutreffenden 7/8" misst sie lediglich 13/16". Die Klinge ist sehr fein und dünn ausgeschliffen, besitzt allerdings nicht den ausgeprägten Wall, den man von vielen anderen 14er-Klingen kennt. Dadurch wirkt sie etwas eigenständig und hebt sich von den geläufigen Ausführungen ab. Eingefasst ist die Klinge in attraktive bunt marmorierte Schalen, die hervorragend zum Gesamtbild des Messers passen.

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Nun möchte ich ein Rasiermesser vorstellen, das zwar ebenfalls den Schriftzug ESTAS trägt, jedoch nicht von Max Sommer, sondern von Wilhelm Eickenberg hergestellt wurde.

Das Messer ist insgesamt eher schlicht gehalten und verfügt über eine 6/8" breite Klinge. Auf aufwendige Verzierungen wurde hier weitgehend verzichtet, was dem Messer jedoch keineswegs seinen Reiz nimmt. Auch wenn es optisch etwas zurückhaltender auftritt als die beiden zuvor gezeigten Exemplare, braucht es sich in rasurtechnischer Hinsicht nicht hinter den beiden zuvor gezeigten Exemplaren zu verstecken.

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Dieses Rasiermesser wurde von Wilhelm Eickenberg hergestellt und vereint für mich alles, was ein besonderes Solinger Messer ausmacht.
Die Klinge trägt die Nummer 14 und misst in der Breite zwischen 7/8" und 15/16". Anders als bei den meisten 14ern besitzt sie keinen Geradkopf, sondern einen Rundkopf, was man bei Messern dieses Rohlings deutlich seltener antrifft. Besonders gut gefällt mir, dass der Schleifer einen Teil der Schmiedehaut auf der Klinge belassen hat. Das verleiht dem Messer einen ganz eigenen Charakter und sorgt für eine außergewöhnliche Optik. Die Klinge ist sehr fein ausgeschliffen. Die Rasur mit diesem Messer ist außerordentlich sanft, gründlich und mühelos. Für mich gehört dieses Messer zu den besten Rasiermessern meiner Sammlung.

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Bei meinen Recherchen zum Warenzeichen ESTAS bin ich auf eine Geschichte gestoßen, die weit über die übliche Firmengeschichte eines Solinger Herstellers hinausgeht.

Gegründet wurde die Firma 1920 von Max Sommer (geb. 23.Dezember 1889) aus Wesseling bei Köln, der in Solingen-Wald eine Stahlwarenfabrik in der Altenhoferstraße 21 aufbaute.

1920-05-12_Max Sommer (Wald) - Eintragung in Handelsregister.JPG


In den folgenden Jahren ließ er eine ganze Reihe von Warenzeichen schützen, darunter ESTAS, „Mann mit Pflanze“, Elpinor, Ocanita, Resegone oder Brockton.

Hier die drei bekanntesten:

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Besonders interessant fand ich die Herkunft des Namens ESTAS: Er leitet sich sehr vom lateinischen aestas ab, was auf Deutsch „Sommer“ bedeutet. Damit verewigte Max Sommer seinen eigenen Familiennamen in einem Markenzeichen.

1923 trat sein Bruder Hugo Sommer (28. September 1887) als Gesellschafter in das Unternehmen ein. Die Brüder führten einen erfolgreichen Solinger Stahlwarenbetrieb, bis die nationalsozialistische Verfolgung jüdischer Unternehmer ihrem Lebenswerk ein jähes Ende setzte.

Die Familie Sommer war jüdischer Abstammung. Während des Novemberpogroms 1938 wurden sowohl die Fabrik als auch die Wohnhäuser der Familien überfallen. Max Sommer konnte mit seiner Familie 1939 in die Schweiz nach Lugano fliehen. Sein Bruder Hugo wurde zunächst verhaftet und mehrere Wochen im KZ Dachau festgehalten, bevor auch ihm mit seiner Familie die Emigration gelang.

Damit begann das, was die Nationalsozialisten „Arisierung“ nannten. Das Unternehmen wurde 1939 an Wilhelm Eickenberg übertragen, einen langjährigen Mitarbeiter der Firma. Mit dem Betrieb gingen auch die Warenzeichen der Sommer-Brüder über.

Am 11. Dezember 1939 erschien folgende Anzeige in der Solinger Zeitung:

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Aus der Firma Max Sommer wurde 1941 die Estas Stahlwaren Wilhelm Eickenberg.

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Im November 1941 starb Wilhelm. Hier seine Todesanzeige.

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Die Firma ging nun auf seine Witwe Luise Henriette („Liesejette“) Eickenberg über.

Nach dem Krieg wurden durch die Alliierten rechtliche Grundlagen geschaffen, um unrechtmäßig entzogenes Vermögen zurückzugeben. Auf dieser Grundlage beantragten Max Sommer und Hugo Sommer die Rückerstattung ihres Unternehmens, der Maschinen, Warenbestände und Markenrechte. Die Verfahren drehten sich nicht nur um Gebäude, Maschinen und Lagerbestände, sondern auch um immaterielle Vermögenswerte. Bemerkenswert ist die große Rolle der Warenzeichen wie „ESTAS“ und „Ocanita“, die als wesentlicher Bestandteil des Unternehmens angesehen wurden.

Obwohl die Gerichte grundsätzlich die unrechtmäßige Entziehung anerkannten und eine Rückübertragung befürworteten, endete das Verfahren 1955 schließlich mit einem Vergleich. Die Familie Sommer erhielt finanzielle Entschädigungen, verzichtete jedoch auf die tatsächliche Rückgabe des Unternehmens. Die Markenrechte verblieben endgültig bei der Nachfolgefirma.

Liesejette Eickenberg führt die Firma weiter. Um 1950 waren die Umsätze mäßig, im Inland ruhte das Geschäft fast vollständig und es wurde durchweg nach Italien exportiert. Eigene Arbeiter wurden nicht mehr beschäftigt. Die Arbeiten wurden von Heimarbeitern ausgeführt, während Liesejette Eickenberg die Büro- und Versandarbeiten selber erledigte.

1972 erschien die Firma letztmals in den Solinger Adressbüchern. Danach verlieren sich die Spuren des Unternehmens, sodass davon auszugehen ist, dass der Betrieb kurz darauf eingestellt wurde.
 

Anhänge

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Ich hoffe, die gezeigten Stücke und die historischen Hintergründe stoßen auf euer Interesse.
Ich kann zwar nur für mich sprechen, aber ich bin mir sicher, dass die gezeigten Rasiermesser und
die, wie immer wunderbar recherchierte und dargelegte Geschichte dieses Solinger Herstellers auch
anderen zusagt.
Vielen Dank für den/die umfangreichen Bericht(e)! goodjob!

Gruß
Gregor
 
Zwei Messer, die den Namen Estas bzw. die Marke Mann mit Pflanze tragen, kann ich ich auch hier anfügen:


und ein Robuso mit Estas Klinge:


In welchem Zusammenhang Robuso und Estas standen weiß ich nicht, aber der damalige Verkäufer hatte mehrere Messer mit Estas Klingen und Robuso Heften im Angebot.
 
In welchem Zusammenhang Robuso und Estas standen weiß ich nicht, aber der damalige Verkäufer hatte mehrere Messer mit Estas Klingen und Robuso Heften im Angebot.
Ich denke, es bestand kein geschäftlicher Zusammenhang.
Ich bin der gleichen Ansicht, wie sie @SolingerStahl in dem Beitrag geäußert hat, dass an die ESTAS-Klingen Hefte aus Restbeständen angebracht wurden.
 
Ich hatte im Robuso Strang ein Rasiermesser vorgestellt, dass "nur" ein Robuso Heft hat, aber eine Estas Klinge. Also gehört es hierhin:

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Und davon habe ich zwei. Die beiden rasieren wirklich wunderbar, für eine 42er Klinge sehr sanft.
 
In welchem Zusammenhang Robuso und Estas standen weiß ich nicht, aber der damalige Verkäufer hatte mehrere Messer mit Estas Klingen und Robuso Heften im Angebot.
Vermutlich war der Verkäufer der Enkel eines ehemaligen Heimarbeiters, der für Robuso und vermutlich dann auch für Estas gearbeitet hat. Meine beiden genau identischen habe ich nämlich von so einem netten Menschen gekauft.
 
Vielen Dank an @MaydayGuard für die tolle Recherche. Ich finde es wirklich immer wieder hochspannend, wenn ich hier etwas über die Menschen erfahren kann, die die Rasiermesser, die ich in der Hand halte, vor vielen Jahren erschaffen haben. Geschichte zum anfassen eben.
 
Vielen Dank für Euer nettes Feedback :) . Ich freue mich darüber.
Vielen Dank an @MaydayGuard für die tolle Recherche. Ich finde es wirklich immer wieder hochspannend, wenn ich hier etwas über die Menschen erfahren kann, die die Rasiermesser, die ich in der Hand halte, vor vielen Jahren erschaffen haben. Geschichte zum anfassen eben.
Wie Du Dir, @sakaltras, sicher denken kannst, geht es mir ganz ähnlich. Manchmal lohnt es sich, auch bereits abgeschlossene Recherchen noch einmal aufzugreifen und zu prüfen, ob sich zwischenzeitlich neue Erkenntnisse finden lassen, vorausgesetzt, man hat Freude daran.

Genau das war beispielsweise bei ESTAS der Fall. Bis vor Kurzem war mir der Zusammenhang zwischen der Familie Sommer und Wilhelm Eickenberg nicht bekannt. Erst durch ein kürzlich entdecktes Dokument erfuhr ich, dass Wilhelm Eickenberg über mehr als zwanzig Jahre für Max Sommer tätig war. Er begann dort als Packer und arbeitete sich im Laufe der Jahre bis zum Betriebsleiter beziehungsweise Fabrikationsführer empor. Nachdem die Familie Sommer aus Deutschland fliehen musste, konnte er das Unternehmen gemäß der nationalsozialistischen Gesetzgebung zu Bedingungen übernehmen, bei denen für die ursprünglichen Eigentümer praktisch nichts übrig blieb.
Die weitere Entwicklung nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs enthält eine Vielzahl hochinteressanter Informationen. Sie betreffen nicht nur die Firmengeschichte selbst, sondern geben auch allgemein einen aufschlussreichen Einblick in die damaligen Wiedergutmachungsverfahren. Eine ausführliche Darstellung hätte den Rahmen dieses Beitrags allerdings gesprengt.

Apropos „Geschichte zum Anfassen“: Wer wie ich seit vielen Jahre in Solingen lebt, dem begegnet die Geschichte der Klingenstadt oft ganz unvermittelt im Alltag.
So kommt es beispielsweise vor, dass ich bei Spaziergängen über die Friedhöfe in der Nähe meines Wohnorts die Inschriften von Grabsteinen lese. Dabei tauchen gelegentlich Namen auf, die vielen Rasiermesserfreunden vertraut sein dürften. Ganz in meiner Nähe finden sich beispielsweise die Ruhestätten von Otto Busch jun. oder Angehörigen der Familie Robert Klaas. In solchen Momenten wird die Solinger Schneidwaren-Geschichte plötzlich sehr greifbar und persönlich.
 
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