Longhorn
Dallas
Eine Szene, die die Serie nie zeigte, spielt an dem Nachmittag, an dem Cliff Barnes auf Southfork auftaucht, weil er sich das Loch Nummer Neun nicht kommentarlos wegnehmen lassen will.
Miss Ellie und Pam sassen auf der Veranda, Tee zwischen sich, als der Wagen zu schnell die Zufahrt hochkam und quer stehen blieb. Pam war schon halb aufgestanden, bevor Cliff überhaupt die Tür zugeschlagen hatte.
"Das ist mein Bruder", sagte sie leise zu Miss Ellie, mehr eine Feststellung als eine Warnung.
Cliff kam mit langen Schritten zum Zaun, wo J.R. mit dem Fuss auf der untersten Latte lehnte, den Hut im Nacken, als hätte er den ganzen Nachmittag auf nichts anderes gewartet als genau diesen Auftritt.
"J.R.!" rief Cliff.
"Du weisst genau, was du getan hast."
"Cliff.
J.R. nickte ihm zu, freundlich, viel zu freundlich.
"Schön, dass du vorbeischaust. Hast du den hier schon gesehen?"
"Ich rede nicht über dein Vieh, ich rede über die Bohrrechte, die du mir unter dem…"
J.R. liess ein leises "He he he he" hören, mehr durch die Nase als durch den Mund, das Cliff sofort zum Schweigen brachte, weil es viel mehr sagte als jedes Wort.
"Fakt eins."
Er zeigte mit dem Kinn zum Bullen, der drüben am Tränktrog stand.
„Bei Tageslicht sieht er aus wie jeder andere. Rotbraun, unauffällig, ein Mann im billigen Anzug.
Die Sonne traf die Flanke des Tiers, und aus dem satten Rotbraun brachen grosse weisse Flecken hervor, scharf umrissen.
"Aber steht er richtig im Licht, sieht man, was wirklich drinsteckt."
Auf der Veranda hatte Pam sich wieder gesetzt, die Hände um die Teetasse, viel zu fest.
"J.R., hör mir zu, ich…"
"Fakt zwei."
Er strich mit der flachen Hand am obersten Zaunbrett entlang, ohne den Bullen aus den Augen zu lassen.
"Die Zeichnung selbst, wenn man nah rangeht. Nicht glatt, nicht aus einem Guss. Schichten übereinander, wie Manzanita-Holz, wenn man's aufschneidet, Ring um Ring, jedes Jahr eins mehr, bis keiner mehr genau sagen kann, wo eine Farbe endet und die nächste anfängt."
"Das ist doch kein Zufall, dass du jetzt über Holzmaserung redest, während ich…"
"Fakt drei."
J.R. kniff die Augen zusammen gegen die tiefstehende Sonne. Die Hornspitzen des Bullen fingen das Licht, silbrig-weiss, für einen Herzschlag.
"Sieht aus wie nichts Besonderes, bis es das Licht trifft. Genau in dem Moment, wo du glaubst, du hättest ihn im Griff, zeigt er dir, warum du ihn nie hättest unterschätzen sollen."
Cliff blieb stehen, die Fäuste in den Taschen vergraben, und für einen Moment sagte er gar nichts mehr, weil er begriffen hatte, dass er die ganze Zeit nicht über einen Bullen geredet bekommen hatte.
"Sag Cliff", warf J.R. noch hinterher, obwohl Cliff genau vor ihm stand,"die Kakerlake soll sich das Loch Nummer Neun ruhig weiter ansehen. Vom Zaun aus. Von aussen."
Auf der Veranda zuckte Pam zusammen, nur kurz, aber Miss Ellie sah es.
"Eines Tages, J.R.", sagte Cliff schliesslich, leiser als vorher, "reicht dir dein Charme nicht mehr."
"He he he he.
J.R. schüttelte nur den Kopf, als wäre das der beste Witz, den er den ganzen Tag gehört hatte.
"Möglich."
Er hob zwei Finger zum Hutrand, ein Gruss, der wie ein Abschied gemeint war.
"Aber heute reicht er noch."
Cliffs Wagen fuhr die Zufahrt wieder runter, viel langsamer als er gekommen war. Pam stand auf, ging aber nicht ihm nach, sondern blieb an der Verandabrüstung stehen.
"Die Ranch-Burschen unten am Corral nennen den Bullen nur Longhorn", sagte Miss Ellie neben ihr, ohne den Blick vom Zaun zu nehmen. "Als wär das ein Name und keine Rasse."
"Passt doch", sagte Pam leise, und man konnte nicht ganz sagen, ob sie noch vom Bullen sprach.
Randnotiz von ankerbart, ausserhalb der Szene: nicht mein Pinsel, eine Auftragsarbeit für einen Forumskollegen. Der Lapis Philosophorum, an dem sich Bernhard hier erkennbar selbst bedient hat, gehört aber mir.