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Odenkirchen, Johann Peter‚ s-Hertogenbosch,NL Instrumentmaker 1865-1890

SolingerStahl

Hersteller/Händler
Odenkirchen, Johann Peter‚ s-Hertogenbosch,NL Instrumentmaker 1865-1890


Wenn ich mal mein seltenstes und urigstes Rasiermesser benennen sollte, dann wäre ganz sicher das #3 ODENKIRCHEN 15/16 Spanisch unter den Kandidaten.
Deswegen war es mir wichtig, die Geschichte dieses Messers zu hintergründen…



Johann Peter Joseph Maria Odenkirchen wird am 26.08.1824 als Sohn des Wirthen und Weinhändlers Peter Joseph Odenkirchen und seiner ersten Ehefrau Maria Elisabetha Sondag in der Hundsgasse Nro.850 zu Bonn geboren. Tragischerweise verstirbt die Mutter an den Folgen der schweren Geburt.

Der Vater heiratet erneut Eleonora Theresia Ries und hat mit ihr 4 weitere Kinder, 1926 Ferdinandina Catharina, 1831 Heinrich, 1832 Carl und 1833 Bernhard Jacob. 1843 verstirbt auch seine 2. Ehefrau Eleonora.

1849 ist Peter Josef Odenkirchen ein Teilerbe des verstorbenen Komponisten Ferdinand Ries in Köln.

Noch im gleichen Jahr verstirbt er selbst und hinterläßt den Kindern aus seiner 2. Ehe ein stattliches Erbe in Bonn, das sein Bruder, der Universitäts-Pedell Aloys Odenkirchen 1850 auflöst.

Der erste Sohn Johann Peter Odenkirchen hat zu dieser Zeit schon das Elternhaus verlassen und läßt sich in Holland zum Instrumentmaker ausbilden. Er heiratet 1854 in `s-Hertogenbosch die Maria Francisca Koelmann aus Bochholt. Die Ehe bleibt scheinbar kinderlos.

1861 stellt er bereits seine Waren auf der Allgemeene Tentoonstelling zusammen mit den befreundeten Händlerbrüdern A. en B. Schmeink aus Arnhem aus.

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1865 betreibt er in `s-Hertogenbosch an der Vuchterstraat H. 11 ein Handlungsgeschäft mit Ladenlokal und verkauft chirurgische Instrumente und hochwertige Schneidwaren, Bruchbänder, Bandagen und Meßgeräte wie z.B. Barometer bis er 1890 im Alter von 66 Jahren dort verstirbt.

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Der jüngste Bruder Bernhard Jacob, der nach des Vaters Tod ebenfalls in Holland den Beruf des Instrumentmakers erlernt, dann Anna Cornelia Maria Mussert 1857 in `s-Gravenhage (Den Haag) heiratet und dort sein eigenes Geschäft betreibt, übernimmt mit seinem 1869 geborenen Sohn Hendrik in `s-Hertogenbosch, der dort unter der Leitung des seit 1861 befreundeten Händlers A. Schmeink seine Kaufmannsausbildung macht.

Sein Onkel Heinrich Odenkirchen betreibt in dieser Zeit noch bis 1887 in Cöln am Rhein ein Uhrmachergeschäft, mit dem Henrik und sein Vater Bernhard Jacob, wie vorher auch schon Peter Joseph, oft zusammenarbeiten. Von dort stammen die Regulatoren und Barometer mit denen sie handeln.

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1894 wird das Geschäft immer noch unter dem Namen P. Odenkirchen an der Vughterstraat 25 von A. Schmeink geführt und verkauft nun auch optische Waren. Henrik Odenkirchen in `s-Gravenhage ist nun Kaufmann und Teilhaber des Geschäftes.

1896 heiratet Henrik Odenkirchen die Josina Sophia Anette van der Wel und hat mit ihr 1897 in `s-Gravenhage den Sohn Johann Jacob.

1905 stirbt sein Vater Berhard Jacob in `s-Gravenhage.

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1909 geht das Geschäft P. Odenkirchen in `s-Hertogenbosch an H.A.M. Slager über. Er und dessen Nachfolger ab 1928 betreiben es bis mindestens 1939. Henrik’s 1897 geborener Sohn Johann Jacob Odenkirchen ist nun Teilhaber.

1939 bis 1943 ist dann J.F.H.M. van Maaren bzw. N.V. van Maaren’s opt. Articelen der Eigentümer, wohl eine Deckfirma wegen der Gefahr der Verfolgung durch die deutsche Besatzungspolizei, die anfangs deutschstämmige Betriebe in Holland der sogenannten Industrieverschleppung bezichtigt ... denn…

1943 ist wieder H. Caarls Odenkirchen, der Sohn von von Johann Jacob, als Betreiber der v/h Fa. P. Odenkirchen mit Ziekenverplegingsartikelen (Krankenpflegeartikel) an der Brugstraat 1 gelistet und…

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1950 ist nochmals Hermann Caarls Odenkirchen im Telefonregister mit der v/h Fa. P. Odenkirchen für Optiken, Bandagen und Stahlwaren an der Ridderstraat 3 b aufgeführt.

Danach kann ich keine Eintragungen mehr finden.



Nun aber endlich zum Objekt der Begierde, dem #3 ODENKIRCHEN Rasiermesser, das ich 2015 mal aus Spaß für `nen Heiermann plus Porto in Holland gekauft habe…

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…einfach um mal zu sehen, was ich da aus dem Schrott noch rausholen kann…

Ich hatte die Wahl zwischen zwei verschiedenen Arten der Rettung…

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…wobei ich mich für die häßlichere, aber materialschonendere Art entschieden habe…

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Das Holzheft habe ich einem englischen 9/8 GB abgenommen, das ein Büffelhornheft bekam.

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Letztlich gefällt mir das vollhohle 15/16 Messer mit seinem urigen Charakter sogar ganz gut…

Zumindest ist es seit 10 Jahren das Einzige ODENKIRCHEN Rasiermesser, das mir bekannt geworden ist, vorher hatte ich ja erst gar nicht danach gesucht…

Die Klinge dürfte um 1870-80 herum von einer alten Solinger Schmiede wie Knyn, Picard oder Herder im Namen für Peter Odenkirchen geschlagen und wohl auch geschliffen worden sein.

Hier im Vergleich mit einem Herder #3…

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Durch die Materialeinbuße ist die Schärfe im halbhohlen Schliff jetzt noch etwas derber geworden. Eine Rasur damit ist sanft und erinnert an englische Rasiermesser dieser Zeit.

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Ich habe jetzt nicht die Erwartung oder Hoffnung, daß hier in Kürze noch einige ODENKIRCHEN Rasiermesser gezeigt werden, aber ich finde, das Messer hat es verdient dokumentiert zu werden.


Mit scharfen Grüßen aus der Klingenstadt

Rainer
 
Lieber Rainer, wie immer ein toller, hervorragend recherchierter Bericht, vielen Dank dafür. :daumenhoch

Zu dem Rettungsversuch der Klinge kann ich nur meine Bewunderung und gleichzeitig meinen
Glückwunsch für die schöne und gelungene Arbeit zum Ausdruck bringen.

Gleichsam habe ich auch eine Frage…

Wenn ich es richtig gelesen und verstanden habe, war ja ein Schwerpunkt der Geschäfte im Bereich
der medizinischen Instrumente & Ausrüstungen zu suchen. Wurde da nicht im Schwerpunkt
auf sog. „Mikrotonklingen“ gesetzt? Wobei ja die für das Unternehmen Ódenkirchen geschlagene
Klinge ja einen herkömmlichen, wenn auch derben Schliff hat. Da ich ja selbst im Zuge des Erwerbs
meines ersten Mikrotonmesser etwas „nachgeforscht“ habe, wurden ja selbige eher selten bis gar
nicht zu herkömmlichen Rasur, sondern neben den Probenpreperationen wohl auch nur in Ausnahmefällen
zur Entfernung von Körperbehaarung bei medizinischer Notwendigkeit eingesetzt.

Wurde dein Messer denn auch im Rahmen medizinischer Ausrüstung zum Verkauf angeboten, oder
wurde da versucht ein neues Geschäftsfeld „aufzubauen“?

Gruß
Gregor
 
Wurde dein Messer denn auch im Rahmen medizinischer Ausrüstung zum Verkauf angeboten, oder
wurde da versucht ein neues Geschäftsfeld „aufzubauen“?

Ich denke, daß mein Rasiermesser wenig mit dem Produktbereich der medizinischen Instrumente zu tun hatte, den P. J. Odenkirchen anbot.
Er war durch eine Freundschaft stark mit dem Amsterdamer Instrumentenmacher A. Schmeink verbunden, der ja auch zeitweise sein Geschäft führte...

Hier ein Hinweis zu A. Schmeink von einer holländischen Familienseite:
"Das Boerhaave Museum in Leiden beherbergt eine Sammlung von Instrumenten der Amsterdamer Medizininstrumentenhersteller A. & B. Schmeink (1878–1910). Die beiden waren miteinander verwandt. Darüber hinaus besitzt das Museum ältere Instrumente von A. Schmeink (1878) und zahnärztliche Instrumente von J. Schmeink (1845–1878), beide aus Arnheim. Diese stammen von zwei Söhnen. Ein Enkelkind in Rotterdam setzte die berufliche Linie über den ältesten Sohn fort.Die Familie Schmeink brachte wahre Handwerker hervor. Und zweifellos fertigten sie ihre Instrumente in enger Abstimmung mit Ärzten."
(Leider funktioniert der Link zum Museum nicht mehr, um zu sehen was für Instumente dort gezeigt werden) Hier ersatzweise eine Konserve...

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Das Rasiermesser war wohl eher eine Art Geschäftserweiterung in Richtung Körperhygiene, die ja damals immer stärker auch ein Teil der medizinischen Empfehlungen wurde.
Solche Geschäfte haben damals von Schneid- und Stahlwaren über Werkzeuge, bis hin zu Instrumenten, Bruchbändern und Brillen so ziemlich alles angeboten, was man beim Krämer nicht bekam, bevor man zum zum Arzt oder zum Schmied ging... Wenn man ein Rasiermesser für den Eigenbedarf brauchte ging man zum Barbier oder zum Instrumentenmacher.
Es ist natürlich denkbar, daß Odenkirchen auch Mikrotom-Messer angeboten hat, aber wie oben schon erwähnt konnte ich bisher kein weiteres Rasiermesser oder Mikrotommesser von Odenkirchen finden.

LG Rainer
 
Zuletzt bearbeitet:
Vielen Dank für deine Ausführungen, ich glaube, man denkt immer noch etwas zu „engstirnig“
wenn man, oder besser ausgedrückt, ich denke da wohl noch zu engstirnig, wenn ich etwas
von ärztlichen Instrumenten lese oder sehe. Dabei übersehe ich nur allzu oft die dazugehörigen
Jahreszahlen und die Umstände, dass das damals ja doch alles „etwas“ anders gelagert war, als
heute…

Vielen Dank! :daumenhoch

Gregor
 
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