Paul von der Lippen, Ohligs-Solingen / SOUPLEX + OLOF / Th. Book / Karl Knapp, Madrid-Solingen
Rasiermesser des nachfolgend beschriebenen Herstellers
Paul von der Lippen sind heutzutage etwa so schwer zu finden, wie die berühmte Nadel im Heuhaufen und ein #14 SOUPLEX in unverbrauchter 8/8 Breite, das in 1920ern den für den spanischen Konzessionär und Händler Karl Knapp in Madrid geschlagen wurde, ist für einige Sammler sowas wie der heilige Gral unter den Rasiermessern…
…aber fangen wir von vorne an… nehmt euch Zeit... es dauert wieder etwas länger...
1883 betreibt
Wilhelm von der Lippen in Merscheid b.Solingen seine Federmesserfabrikation.
1902 erhält der Sohn
Paul eine Gebrauchsmustereintragung für ein Messerheft, bestehend aus zwei lösbar ineinander zu fügende Schalen.
1907 entscheidet er sich selbstständig zu machen
und gründet dazu mit dem Kaufmann Julius Budde aus Ohligs an der Oberwalderstr. 12 (heute untere Weyerstr.) die Kommanditgesellschaft
Paul von der Lippen & Co.
1908 erhält
Paul von der Lippen & Co. GmbH das Warenzeichen PL miteinander verbunden, dazwischen V D.
Das vorher gezeigte Rasiermesser #270 von
@GstGTR dürfte in dieser frühen Zeit entstanden sein, wenn auch diesen modernen Heftschalen so gar nicht dazu passen wollen…
Hier ein #296 Spanisch PL-VD mit zeitgerechteren Bakelit-Heftschalen
Der Dank für die Verwendung der Fotos geht an meinen FB Freund Alex Tseitlin (ehemals strazors.com)
1913 werden
Paul v.d. Lippen die Warenzeichen
OLOF
und
SOUPLEX eingetragen.
1914 sucht Paul für seine
Rasiermesserfabrik Paul von der Lippen & Co. Rückenarbeiter und Polierer. Hier ein OLOF #100 aus dieser Zeit
1914 gibt es dann plötzlich auch eine
Stahl- u. Metallwarenfabrik „OLOF“ Export- u. Import GmbH, registriert unter HRG Nr.48 in Ohligs, deren Stammkapital der GmbH von 20TRM auf 60TRM erhöht wird.
1915 erhält der Agent
Theodor Book aus Elberfeld Prokura für die
Stahl- u. Metallwarenfabrik „OLOF“ GmbH. Seine Agentur verlegt er ebenfalls nach Ohligs.
Im August des gleichen Jahres scheidet der GF Julius Budde aus.
Theodor Book wird zum GF ernannt und Kaufmann
Robert Sander aus Elberfeld, der Schwager von Paul v.d. Lippen erhält Prokura.
1916 erlischt diese Prokura und geht an seine Ehefrau
Maria v.d. Lippen, wohl deswegen, weil er an der Front gefallen ist.
1919 gründet
Theodor Book als GF die
Fa. SANDVIK Stahl GmbH in Ohligs mit einem Stammkapital von 100TRM, um die Stahlerzeugnisse der schwedischen SANDVIKENS JERNVERKS AKTIEBOLAG zu vertreiben. Seinem 1894 in Elberfeld geborenen Sohn
Henrik Rudolph erteilt er Prokura.
1920 liest man letztmalig etwas von der Firma
Paul v.d. Lippen & Co., als diese am Weyer 7 selbstständige Rasiermesserschleifer für hohle Messer sucht.
Im Zusammenhang mit der
Stahl- u. Metallwarenfabrik „OLOF“ wird Paul v.d. Lippen danach nicht mehr genannt.
Die Firma
Paul v.d. Lippen & Co. soll jedoch noch 1928 und 1939 an der Forststr. 24 in Ohligs mit den Marken
DOXA, KONTAKT und RINO gelistet gewesen sein, wenn man den Internetlisten Glauben schenken will… nur hat diese Marken noch niemand auf einem Rasiermesser gesehen…
Ebenso soll
A. von der Lippen 1939 als Rasiermesserhersteller die Marken
AR-LI, BÄRENFÜHRER, und RELIEF an der Beethovenstr. 186 vertrieben haben, aber
Artur v.d. Lippen macht in der Zeitung nur Werbung für seine Gesenkschmiede in Solingen-Wald und wird dort 1931 als Fabrikant an der Behringstr. 20a gelistet.
Rasiermesser mit den genannten Marken sind von ihm keine bekannt.
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Der vorgenannte, 1892 mit Frau und Kind aus Schweden über das Konsulat Düsseldorf nach Elberfeld ausgereiste, dort 1895 eingebürgerte und 1898 im HRG eingetragene Agent und Kaufmann Theodor Book hätte mich bei meinen Recherchen fast auf die falsche Spur gebracht… denn er übernimmt im 1.Weltkrieg die Markenrechte für SOUPLEX und OLOF für seine DE-Klingen-Fertigung an der Höhscheiderstr. 80 am Riefnacken in Ohligs mit der Firma
Stahl- u. Metallwarenfabrik „OLOF“,
...diese Firma stellt jedoch außer Rasierhobelklingen nichts Anderes her.
1931 gibt es in diesem Zusammenhang sogar eine fette Klage gegen einen Hermann Schramm in Grenzhausen, Kreis Rinteln wegen Warenzeichenverletzung der Marke SOUPLEX …
1941 nochmals eine öffentliche Warnung der
SOUPLEX-Rasierklingen-Spezialfabrik Th. Book.
1942 betrauert dann die Führung und Gefolgschaft der
Th. Book Rasierklingenfabrik in Solingen-Ohligs noch den Heldentod eines Mitarbeiters an der Front, aber danach wird es auch um diese Firma still… da spielt dann wohl die schwedische Herkunft der Eigentümer eine Rolle…
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Nun aber endlich zu meinem Sammlerstück…
Als ich 2017 dieses Messer zu einem mehr als günstigen Preis in Spanien entdeckte, fand ich es einfach nur toll und wußte anfangs nicht viel mehr darüber, als daß es eine Solinger #14 Klinge sein mußte…
..fand dann jedoch schnell heraus, daß Karl Knapp kein Hersteller, sondern ein Schneidwarenhändler aus Solingen mit Sitz im spanischen Madrid gewesen ist…
…der dort um 1915 herum den Vorbesitzer der Handelsagentur Carlos Lange abgelöst hat,
der seine Geschäfte schließlich 1925 ganz nach Buenos Aires in Südamerika verlagerte.
Die erfolglose Suche nach einem Karl Knapp als Solinger Hersteller, führte schließlich über den späteren Inhaber der Marke Souplex, Th. Book, zu dem eigentlichen Hersteller
Paul von der Lippen & Co. in Ohligs.
Karl Knapp war also lediglich der Händler, für den diese Rasiermesser in Solingen von Paul von der Lippen hergestellt wurden. Seine Geschäftstätigkeit läßt sich bis 1941 nachvollziehen, danach war wohl kriegsbedingt Schluß.
Auf der Suche nach vergleichbaren Stücken findet man im Internet nur noch ein weiteres #14 SOUPLEX Rasiermesser von Karl Knapp, das einem Afeitadoro namens Crisanto in Spanien gehört, der dieses Messer wiederholt im spanischen Forum Foroafeitado gezeigt hat.
Bei meinem Exemplar hatte ich zwar die kleine „Katsche“ an der Spitze vor dem Kauf gesehen, die sich dann aber leider als katastrophaler Druckriss herausstellte, der bis in die dickere Blattmitte ging, verursacht durch zu hohen Anpressdruck am zu großen Heftkeil …
Es gelang mir dann schließlich gaaaaaaanz vorsichtig den Kopf auf Spanisch auszuschleifen... und das ohne jeglichen Längen- oder Breitenverlust der Klinge…
und ich persönlich finde, es sieht jetzt sogar besser aus als vorher… ist ja schließlich auch ein spanisches Messer...
Zu Schärfbarkeit, Schnitthaltigkeit und dem Rasurverhalten einer vollhohlen 14er Solingen-Klinge aus altem Karbonstahl brauche ich ja hier nichts mehr sagen… die #14 von Karl Knapp macht da keine Ausnahme...
Wie immer würde ich mich sehr freuen, wenn hier künftig noch mehr Rasiermesser von
Paul von der Lippen gezeigt würden... !
Mit scharfen Grüßen aus der Klingenstadt
Rainer