Aurora
AENEIS · Liber XIII — Fragmentum Novum
(Ein Kapitel, das Vergil nie geschrieben hat, aber hätte schreiben können, hätte er RasurKult gekannt.)
Vom Harz will ich singen, und vom Holz, und von der safrangewandeten Göttin, die alle Tage den Himmel aufreisst, ehe noch ein Sterblicher erwacht ist. Aurora heisst sie, und Vergil hat sie zuerst so besungen, wie sie im safranfarbenen Gespann über das Firmament zieht, den Toren des Tages voraus, damit ihr Bruder mit dem Sonnenwagen folgen kann. Kein Anfang wird in der ganzen Aeneis so oft beschworen wie dieser eine, ewig wiederkehrende. Der Himmel, der sich öffnet, bevor irgendetwas anderes geschehen darf.
Und hätte ihr damals ein Seher in die Zukunft geschaut, so wie Anchises seinem Sohn einst die künftigen Enkel Roms zeigte, er hätte ihr sagen können, dass ihr Name die Verse überdauern würde. Denn eintausendsechshundertachtzehn Jahre später sollte ein Mann aus Pisa, Galilei mit Namen, seine Augen zum nächtlichen Himmel des Nordens erheben und dort ein Licht sehen, das tanzte, ohne Sonnenwagen, ohne Dämmerung: ein Feuer aus Teilchen, die der Wind der Sonne dem Erdmagnetfeld entgegentrug. Und weil er keinen treffenderen Namen fand, rief er es mit ihrem: Aurora Borealis, die Morgenröte des Nordens. Ein Name, geliehen von Safran und Rosenrot, für ein Licht, das doch meistens grün leuchtet und türkis, selten rot, ein Irrtum, gewiss, aber einer, der bis heute Bestand hat, weil er zu schön ist, um ihn zu berichtigen.
Und ebendieses Missverständnis, dieses grüne Feuer, das fälschlich ihren Namen trägt und ihn doch verdient, hat der Handwerker aus RasurKult, der wie so viele vor ihm den Göttern näher war, als er selbst wusste, diesen Augenblick nicht in Vers, sondern in Harz zu bannen versucht. So wie ein Fischer, der vor Tagesanbruch hinausfährt und, noch ehe die Sonne selbst zu sehen ist, an der Farbe des Wassers schon weiss, welches Wetter der Tag bringen wird, den Rauch der Nacht im Türkis erkennt und im ersten Rot die Wärme, die noch kommen soll, und der später, wenn er heimkehrt, seinen Kindern von nichts anderem erzählt als von diesem einen Augenblick auf dem Wasser. So erkannte auch der Handwerker im Holz der Lace Sheoak, ehe er es überhaupt bearbeitet hatte, bereits das Licht, das später aus ihm brechen würde. Die Maserung strahlte von Natur aus wie Licht, das sich durch Wolken bricht, rotbraun und changierend, je nachdem, aus welchem Winkel man sie betrachtet, gleichwie Aurora selbst nie zweimal in derselben Farbe erscheint.
Und er goss hinein, was von ihrem Wagen übrig blieb: Späne aus Kunstharz, schwebend im klaren Epoxi wie Funken, die vom Sonnenwagen fielen, hier türkis, dort tiefgrün, dort wiederum fast so schwarz wie die Nacht, aus der die Göttin gerade erst hervorgetreten ist. Kein Muster gleicht dem anderen, denn auch der Himmel ordnet sein Licht nicht nach Schema. Über allem aber ruht, unbewegt, ein goldenes Medaillon mit Lorbeerkranz, so wie über allem Aufruhr des Morgens am Ende doch die Sonne selbst steht, ruhig und unbezweifelt.
Diesem Werk beigegeben ist ein Knoten, wie ihn kein zweiter trägt: sechsundzwanzig Millimeter Dachshaar aus Bernhards Private Selection, im Drei-Band-Aufbau, doch anders als man es erwarten würde: grau an der Spitze, nicht weiss, so wie der Himmel selbst grau ist, bevor Aurora ihn ganz öffnet, und erst darunter, im dunklen Band, dicht wie das Gefieder eines Vogels, der eben erst dem Nest des Morgens entstiegen ist.
Sei gegrüsst, Aurora, auch heute noch, da kein Vergil mehr singt und kein Wagen mehr über den Himmel zieht. Der Tag öffnet sich doch immer noch auf dieselbe Weise, mit Wasser, mit Seife, mit der Hand, die den Pinsel führt. Aurora stand auch
heute im Dienst, und
das Bild bezeugt es, ohne dass es weiterer Worte bedürfte.
Trocken betrachtet, zeigt sich die Göttin kühl und unverstellt. Die rotbraune Maserung des Holzes steht scharf gegen die eingegossenen Späne, jedes Fragment für sich erkennbar, gleichwie Sterne, die in einer klaren, kalten Nacht einzeln zu zählen sind.
Doch benetzt mit Wasser, wandelt sich das Bild, wie es der Himmel selbst tut, kurz bevor die Sonne durchbricht.
So wie ein Bauer, der im Morgengrauen über sein Feld geht und das Gras noch grau und schlafend vorfindet, ehe der erste Tropfen Tau auf einem einzelnen Halm zu glänzen beginnt, und dann, kaum dass er hinschaut, überall zugleich, als hätte die ganze Wiese nur auf diesen einen Blick gewartet, so beginnt auch das Epoxi zu leuchten, sobald das Wasser es berührt, erst an einer Stelle, dann überall, als hätte es nur auf die Berührung gewartet, um zu zeigen, was die ganze Zeit in ihm geschlafen hat. Die Späne gewinnen an Tiefe, als wollten sie das Licht, aus dem sie einst fielen, noch einmal zurückgeben, und über dem Holz liegt ein feiner Glanz, nicht anders, als Ovid den Tau beschrieb, den die safrangewandete Aurora Morgen für Morgen um ihren gefallenen Sohn Memnon weinte. Selbst die Trauer dieser Göttin, so will es die alte Geschichte, hinterlässt am Ende noch etwas Schönes.
Aurora braucht keine fremde Geschichte, um zu bestehen. Sie trägt die ihre bereits in sich, im Namen, im Material, im Licht, das aus dem Harz bricht. Man muss nur genau hinsehen, so wie man es auch am wirklichen Himmel tun müsste, wollte man ihn wirklich verstehen.
#21:
„RasurKult "Aurora" - Lace Sheoak (Steineiche) / Epoxi mit vergossenen Kunstharzspänen Hybrid, 26mm 3-Band Private Selection Dachs
ankerbart