Ich setzte das Messer mal hier "rein" , vielleicht hat ja einer der "Solinger Spezialisten"
mehr Infos bzw. kann etwas darüber berichten.
Quelle Cutlermarks
W. PICARD GARANTI, with both lines
curved (1904, no. 65961): Carl Greis,
‘Inhaber der Firma W. Picard’, Cronenberg/
Rheinland.
Hier ein Carl Greis 50 3/? in knappe 6/8,
Um mal ein wenig Licht in die Herkunft der CG CARL GREIS und W.PICARD Rasiermesser zu bringen, muß ich etwas weiter ausholen...
Die Famile(n) PICARD (auch PICKART, PICKERT, PICKERTZ geschrieben) waren bereits seit Jahrhunderten am Morsbach bei Remscheid als Hammerschmiede und an der Wupper bei Kohlfurt (Solingen) und Cronenberg (heute Stadtteil von Wuppertal) als Schleifer ansässig.
Ein Großteil der in Remscheid am Morsbach (der bei Müngsten in die Wupper mündet) geschlagenen Ware wurde flußaufwärts in den Schleiferkotten bei Kohlfurt an der Wupper geschliffen und weiterverarbeitet.
Die Kohlfurter Wupperkotten waren teils der Bürgermeisterei Gräfrath (Solingen) und der Bürgermeisterei Cronenberg (Wuppertal) unterstellt, je nach dem auf welcher Uferseite sie sich befanden. Auf der Solinger Seite wurden vereinbarungsgemäß nur Schneidwaren und auf der Cronenberger Seite nur Werkzeuge produziert.
An der Kohlfurter Brücke betreibt
Engelbert Picard von 1838-1879 ein Restaurant mit Spezereienhandel und Forellenzucht, das noch 1935 im Besitz von
Jonathan Picard ist.
Der Erste Kotten nach der Kohlfurter Brücke die nach Cronenberg führt, liegt in der PICARDSAUE und gilt gemeinläufig als PICARDSKOTTEN, da er seit dem frühen 19. Jahrhundert in deren Familienbesitz war. 1838 ist hier
David Picard als Mühlenbesitzer zu Gräfrath im Rheinischen Adressbuch eingetragen. Die Mühle wird jedoch nicht als Schleiferei, sondern als Fruchtmühle genutzt und beliefert u.a. den Spezereienhandel von Jonathan Picard an der Kohlfurter Brücke.
Der Zweite Kotten beherbergte von 1859-1899 Schleifereien von GUSTAV WECK und
ABRAHAM KNYN aus Gräfrath. Letzterer ist seit 1849 in Gräfrath zu Katzberg / Ketzberg bekannt als
Rasiermesserhersteller. Darauf kommen wir später noch zurück...
Der südliche Teil des Dritten Kotten zu Burgholz bei Cronenberg wurde seit den 1840ern vom Schleifer
JOHANNES PICARD genutzt, allerdings überwiegend zur Bearbeitung von Sensen und Werkzeugen für den Cronenberger und Remscheider Stahlwarenhandel.
Bereits im Jahr 1838 waren
Johannes & Wilhelm Picard zu Cronenberg mit einer Stahl- und Eisenwaarenhandlung registriert, während im selben Jahr
Engelbert Picard (der Restaurantbesitzer) mit dem Handel von Stahl- Eisen- und Spezereiwaaren zu Gräfrath im Rheinischen Adressbuch gelistet wird.
1867 gründen Carl Schmahl und die Brüder
Wilhelm & Julius Picard die Eisen- und Stahlwarenfabrik
SCHMAL & PICARD bei Cronenberg.
Stellt sich nun die Frage, wo die Rasiermesser-Rohlinge der frühen
W.PICARD Messer geschlagen, wo sie geschliffen und weiterverarbeitet und von wem sie verkauft wurden,
da der 1851 geborene Carl Greis ja erst 1896 die Marke W.PICARD unter der Nummer 18740 in der Klasse 9b für sich hat eintragen lassen...
Hier liegt die Schlußfolgerung nahe, daß
Abraham Knyn als Nachbar im Zweiten Kotten der Kohlfurt im Auftrag der Picards sowohl die Klingen geschlagen, als auch verarbeitet hat.
Im Vergleich sehen sich die Klingen nicht nur ähnlich, sondern tragen sowohl die selbe Nummer #41 und die gleiche Formsprache und Handschrift des Erzeugers...
Die späteren Klingen dürften dann ab 1867 von SCHMAL & PICARD in Cronenberg weiterverabeitet worden sein.
Hier liegt die Vermutung nahe, daß diese Firma ebenfalls die Klingen für den Export-Händler CHARLES HAKE & CO. aus Remscheid-Haddenbach, der nie eine eigene Fabrik geführt hat, verarbeitet hat.
Hier ein W.PICARD #57 im Vergleich zu einem Charles Hake ROTTE #57 ...
Da Charles Hake vorwiegend im Raum Benelux / Frankreich (mit eigener Niederlassung in Brüssel) unterwegs war, dürfte er anfangs auch für die starke Verbreitung der W.PICARD Rasiermesser auf diesem Markt gesorgt haben, bis schließlich
CARL GREIS die Markenrechte und den Vertrieb 1896 übernahm.
Carl Greis (auch Karl Greis geschrieben; * 25. Juli 1851 in Cronenberg) war ein deutscher Kaufmann in Cronenberg (Wuppertal).
In den Jahren 1884–1920 war er Mitglied der Bergischen Industrie- und Handelskammer zu Remscheid.
Von 1886–1919 wirkte er als Stadtverordneter und Beigeordneter in Cronenberg. Er war Mitglied zahlreicher Kommissionen sowie Mitglied des Kreistages des damaligen Landkreises Mettmann.
In 1896 registriert er
W.PICARD unter der Nr. 18740 Klasse 9b als seine Handelsmarke.
1901 ist er mit
Carl Greis Stahl- und Eisenwaren in Cronenberg gelistet. Ebenso der Bruder Julius Greis mit seiner 1891 gegründeten Eisen- und Metallgroßhandlung Hauptstr.48.
1904 registriert er die Marke PICARD GARANTI unter der Nr.65961 und wird als Inhaber der Firma W.PICARD CRONENBERG / RHLD. genannt.
Ebenfalls von 1904-1959 ist die
Carl Greis Stahlwaren-Fabrik Wuppertal-Cronenberg unter HRA7494 und AG Wuppertal Rep.0069 Nr.1920 registriert.
Die Adresse dürften die Betriebsräume des Bruders Julius Greis Hauptstr.48 gewesen sein. Scheinbar erfolgte die Weiterverarbeitung der Klingen jetzt dort.
In dieser Zeit verändert sich auch das Aussehen der Klingen, scheinbar weil man diese nicht mehr vom mittlerweile verstorbenen Abr. Knyn beziehen kann, dessen heruntergekommener Zweiter Kotten 1899 noch vor der behördlichen Stillegung abgebrannt ist, sondern nun von anderen Solinger Gesekschmieden wie Hartkopf oder Herkenrath Standardware abnehmen muß.
Die Klingen werden ab ca. 1910 zusätzlich mit CG gestempelt...
Ab 1920 fällt der Schriftzug W.PICARD weg und die Rasiermesser wurden nur noch mit
CG Carl Greis & Co. gestempelt. Bruder Julius Greis ist jetzt Kommanditist.
Am 24. Juli 1926 erfolgt die Verleihung des Ehrenbürgerrechtes der Stadt Cronenberg.
Zwei Jahre darauf am 19.11.1928 stirbt Carl Greis, sein Grab auf dem Evangelischen und Reformierten Friedhof Solinger Straße wird von der Stadt Wuppertal als Ehrengrab gepflegt. Die Firma Carl Greis & Co. wird anscheinend vom Bruder Julius Greis bzw. dessen Sohn noch bis 1959 weitergeführt.
Es würde mich freuen, wenn
@DailyDriver ,
@MaydayGuard und
@Hatzicho's Kotten diese Daten noch ergänzen könnten.
Mit scharfen Grüßen aus der Klingenstadt
Rainer