Design94 Interview

3.10.2026

Wir wollten ursprünglich ein persönliches Interview mit Herrn Klein von Design94 arrangieren. Aufgrund von Terminengpässen unsererseits konnten wir aber nicht so schnell einen Termin finden und haben stattdessen das Interview schriftlich durchgeführt.

Vielen Dank noch einmal an Herr Klein, dass er so kurzfristig die Fragen beantworten konnte.

Wir haben im Forum einen thread, in dem Ihr weitere Fragen an Thorsten Klein von Design94 stellen könnt. Hier entlang zum AMA (ask me anything) thread.


Sie haben Design94 im Jahr 2021 gegründet. Wie entstand die Idee zu Ihrem Unternehmen und zu den Rasierhobeln?

Die Geschichte beginnt eigentlich schon 2018, nach einer Asienreise – und zunächst gar nicht mit einem Rasierhobel. Ich fragte mich damals, warum es keine wirklich durchdachte, smarte Kulturtasche gibt: eine Tasche, in der alle Pflegeprodukte übersichtlich ihren Platz haben und die zusätzliche Funktionen wie ein Display, Musik, Telefonie und induktives Laden für eine Zahnbürste bietet. Daraus entstand die MelodyBag, die ich zum Patent angemeldet habe.
Nach etwa zwei Jahren waren 2020 die Prototypen fertig. Die Kosten um in Serie zu gehen, lagen zu diesem Zeitpunkt bei fast 250.000 Euro – für ein ursprünglich privates Projekt eine erhebliche Summe. Das wirtschaftliche Risiko einer anschließenden Umsetzung wollte ich damals nicht eingehen. Damals noch nicht.

Die Freude an der Produktentwicklung blieb aber. Seit 2006 berate ich Kunden beruflich zu Produktdesign, Fertigungsverfahren und Werkstoffeigenschaften. Daneben beschäftigte ich mich mit hochwertigen Schreibgeräten, restaurierte Kolbenfüller und entwickelte eigene Modelle. In dieser Zeit entdeckte ich auch die klassische Nassrasur für mich.

Allerdings hatte ich mit den gekauften Rasierhobeln immer wieder Rasurbrand und Schnittverletzungen. Irgendwann fragte ich mich: Liegt es an mir, an meiner Haut – oder könnte ein anderer Rasierhobel besser zu mir passen? So begann ich, meinen eigenen Hobel zu entwickeln. Zunächst ausschließlich für mich.

Nach ungefähr 30 bis 40 Kunststoffprototypen, Versuchen auf der Drehbank und den ersten von einem befreundeten Lieferanten gefertigten Titanprototypen hatte ich einen Rasierer, der mich überzeugte. Der Rasurbrand blieb bei mir aus, und ich schnitt mich kaum noch. Zehn Prototypen gingen anschließend an Freunde, Bekannte und erfahrene Hobelnutzer. Das Feedback war ausgesprochen positiv. Besonders der Satz „Schade, dass man den nicht kaufen kann“ brachte mich auf die Idee, ihn auch anderen anzubieten. Daraus wurde 2021 Design94.

Was wollten Sie anders machen als die bisherigen Anbieter?

Mein Ausgangspunkt war sehr persönlich: Ich wollte den für mich perfekten Rasierhobel. Er sollte leicht sein, aus einem hochwertigen Werkstoff bestehen und eine makellose Oberfläche ohne Kratzer oder sichtbare Bearbeitungsspuren haben. Vor allem sollte er gründlich rasieren und zugleich angenehm zur Haut sein. Auch die Materialwahl im Hinblick auf Nickelallergien war mir wichtig. Titan war deshalb von Anfang an mein Wunschwerkstoff.

Außerdem wollte ich eine eigene, durchgängige Formensprache entwickeln. Für mich gehörte zum Rasierhobel ein vollständiges Set. Die feine Rippenstruktur habe ich deshalb auf Pinsel, Ständer und Rasierschale übertragen. Bei der Schale entschied ich mich bewusst für eine quadratische Form.

Die Gestaltung des Kopfes war dabei mehr als eine optische Frage. In meinen Rasurtests empfand ich die gerippte Gestaltung in Verbindung mit der gewählten Klingengeometrie als besonders angenehm. Dieses Zusammenspiel von Design und Funktion ist für mich entscheidend.

Nicht jeder, der mit bestehenden Hobeln unzufrieden ist, gründet gleich ein Unternehmen. Was hat Sie motiviert, es trotzdem zu versuchen – gerade während der Corona-Zeit?

Zunächst waren es meine eigenen Erfahrungen und die positiven Rückmeldungen zu den Prototypen. Ich hatte etwas entwickelt, das für mich sehr gut funktionierte und offenbar auch anderen Freude machte.

Als das erste Titanium-Rasurset fertig war, reichte ich es beim German Design Award ein. Für mich persönlich hat dieser Preis einen Stellenwert wie ein Oscar im Designbereich. Ich wollte es einfach versuchen. Als dann während der Corona-Zeit die Nachricht kam, dass das Set eine Special Mention erhalten hatte, war das eine besondere Bestätigung. Sie hat mich darin bestärkt, den Schritt mit Design94 weiterzugehen.

Welche Expertise konnten Sie bei der Umsetzung einbringen? Waren Sie vorher in einem ähnlichen Bereich tätig?

Ich bin gelernter Industriekaufmann und habe während meines Werkstofftechnikstudiums in Dortmund CAD gelernt. Beruflich beschäftige ich mich seit vielen Jahren mit der Verbindung zwischen Produktgestaltung, Werkstoffen und Fertigung.

2014 kaufte ich meinen ersten 3D-Drucker; mittlerweile sind es fünf. Auch Drehbänke, Galvanik und Verfahren wie Feinguss, Metallpulverspritzguss und die Fertigung von Drehteilen interessieren und begleiten mich schon lange.

Dadurch kann ich viele Schritte von der ersten Konstruktion über Fertigungszeichnungen bis zum Prototyp selbst übernehmen. Diese Verbindung aus kaufmännischem Hintergrund, technischem Verständnis und praktischer Erfahrung hat mir bei Design94 sehr geholfen.

 

Schon Ihr erstes Produkt erhielt eine Special Mention beim German Design Award 2022. Was bedeutet Ihnen diese Auszeichnung?

Ich war selbst überrascht – und sehr froh, stolz und dankbar. In diesem Jahr gehörte Braun zu den Goldgewinnern. Als kleines, junges Unternehmen in einem solchen Umfeld eine Anerkennung zu erhalten, war für mich etwas Besonderes.

Gutes Design fasziniert mich mein ganzes Leben lang. Dazu gehören die Arbeiten von Dieter Rams ebenso wie die Designgeschichte von Apple mit Steve Jobs und Jony Ive. Dass eine Jury meine eigene Vorstellung von Gestaltung würdigte, war deshalb auch persönlich ein sehr bewegender Moment.

Was waren die größten Herausforderungen vor der Gründung und danach?

Die größte Herausforderung war die Vielzahl der Aufgaben neben meiner
Vollzeitbeschäftigung. Ein gutes Produkt zu entwickeln, ist nur ein Teil der Arbeit. Ich musste Einzelteil- und Zusammenbauzeichnungen erstellen, Bedienungsanleitungen schreiben, Verpackungen gestalten, Lieferanten auswählen und Preise kalkulieren.

Dazu kamen der komplette Webshop, Produktfotografie, Werbung,
Suchmaschinenoptimierung und die Abstimmung mit dem Steuerberater zu den kaufmännischen Abläufen. Mein Anspruch war, dass alles vorbereitet sein sollte, bevor ich das Unternehmen offiziell anmelde.

In der Anfangsphase war das weitgehend eine One-Man-Show. Entsprechend viel Arbeit fand abends und an den Wochenenden statt. Die Herausforderung bestand darin, all diese Aufgaben zusammenzuführen und dabei den eigenen Qualitätsanspruch zu halten.

Sie führen Design94 noch nebenberuflich. Wie lange lässt sich das parallel machen und was ist Ihr Ziel?

Wir sind heute ein kleines Familienunternehmen, und ich habe Unterstützung. Einen festen Zeitpunkt für einen vollständigen Wechsel habe ich mir nicht gesetzt. Mein Ziel ist, gesund zu wachsen und das Unternehmen dann weiter zu skalieren, wenn die Nachfrage es trägt.

Im Mittelpunkt stand für mich immer, hochwertige Rasierhobel an Menschen zu liefern, die meine Begeisterung für solche Produkte teilen. Es ging mir nicht darum, mir von den Gewinnen ein Haus oder ein teures Auto zu kaufen. Bis heute habe ich sämtliche erwirtschafteten Gewinne wieder reinvestiert – in neue Produkte, bessere Fotos, Grafiken und die Weiterentwicklung von Design94.

Wie würden Sie Ihre Firmenphilosophie beschreiben?

Der Kunde steht bei uns im Mittelpunkt. Wir möchten zeitlose, qualitativ sehr hochwertige Produkte herstellen, die wir selbst mit Begeisterung kaufen würden. Produkte, bei denen man beim ersten Anfassen merkt, wie viel Sorgfalt darin steckt – und die anschließend auch im Gebrauch überzeugen.

Uns ist bewusst, dass unsere kleinen Stückzahlen zu hohen Preisen führen. Damit gehen wir offen um. Umso wichtiger ist uns, dass das gesamte Kauferlebnis diesem Anspruch gerecht wird: vom Produkt über die Präsentation bis zum persönlichen Kontakt.

Unser Ziel ist, dass ein Kunde am Ende sagt: „Das war jeden Cent wert.“ Diesen Anspruch nehmen wir sehr ernst.

Kann man Ihre Rasierhobel nur in Deutschland kaufen? Wie kommen Kunden aus dem Ausland an Ihre Produkte?

Nein, Kunden können direkt in unserem Onlineshop bestellen, und wir liefern nahezu weltweit – beispielsweise nach Grönland ebenso wie nach Australien. Es gibt einige Ausnahmen, darunter bestimmte sanktionierte Länder.

Wir hatten außerdem längere Zeit Vertriebskooperationen mit zwei amerikanischen Großhändlern. Nach unserer Erfahrung haben die zusätzlichen Importkosten den Vertrieb in unserem Preissegment dort schwieriger gemacht.

Wir haben allerdings auch nie versucht, möglichst viele Großhändler zu gewinnen. Der Direktvertrieb hat für uns einen wichtigen Vorteil: Wir behalten den persönlichen Kundenkontakt und können unmittelbar auf Anfragen reagieren.

Was sollte ein Händler tun, wenn er Ihre Produktlinie ins Sortiment aufnehmen möchte?

Am besten schreibt er uns direkt eine E-Mail oder nutzt die Kontaktmöglichkeit auf unserer Webseite. Wir freuen uns über Anfragen und setzen uns gern mit jedem Interessenten in Verbindung, um die Möglichkeiten einer Zusammenarbeit zu besprechen. Das gilt auch für Private Label.

In welchen Regionen ist die Nachfrage am größten?

Unser stärkster Markt liegt vor der Haustür: Deutschland macht ungefähr die Hälfte unserer Nachfrage aus. Danach folgen die USA, Großbritannien, Italien und Japan. Diese internationale Resonanz freut uns gerade als kleines Unternehmen sehr.

Wie sehen Ihre Lieferketten aus? Wird alles in Deutschland produziert, und wie wichtig ist Ihnen „Made in Germany“?

Wir arbeiten mit externen Fertigungspartnern in Deutschland und teilweise im europäischen Ausland. Mir ist wichtig, diese Herkunft transparent zu beschreiben.

Der Lieferant für unsere Life-Serie sitzt beispielsweise in Deutschland und bringt große Erfahrung aus der Fertigung hochwertiger Kolbenfüller für namhafte Marken mit. Das passt sehr gut zu unserem Anspruch an präzise Verarbeitung und hochwertige Oberflächen.

Die Montage, die vollständige Endkontrolle der Komponenten und das Verpacken übernehmen wir selbst. Kopf, Deckel und Griff werden einzeln geprüft. Wir möchten sicherstellen, dass ausschließlich einwandfreie Produkte versendet werden. Für mich zählt neben der Herkunft vor allem, dass wir die Qualität jedes einzelnen Rasierhobels verantworten können.

Wie werden Ihre Rasierhobel hergestellt? Was zeigt das CNC-Video auf Ihrer Webseite und welche Oberflächenveredelungen bieten Sie an?

Unsere Rasierhobelkomponenten werden aus massivem Material CNC-gefertigt. Das Video auf unserer Webseite zeigt diese präzise Bearbeitung beim Infinity. Auch beim Titanium entstehen die Teile aus massivem Titan. Für das fertige Produkt sind insgesamt mehr als 100 Arbeitsschritte notwendig.

Die einzelnen Komponenten werden in mehreren Bearbeitungsschritten nach unseren Zeichnungen gefertigt. Dabei geben wir enge Toleranzen vor, damit die Geometrie und das Rasurverhalten von Hobel zu Hobel nahezu gleich bleiben.

Anschließend werden die Oberflächen in drei Schritten spiegelpoliert. Das gilt für die Titanium-, Aviation- und Life-Serie. Danach folgen Reinigung, Kontrolle auf Fehlstellen und das Strahlen mit feinsten Glasperlen. So entsteht die gleichmäßige Oberfläche, die unsere Kunden am fertigen Produkt sehen.

Den Titanium bieten wir unter anderem in seinem natürlichen Grauton an. Seine Oberfläche kann sich durch die weitere natürliche Oxidation noch leicht verändern. Daneben gibt es PVD-beschichtete Varianten sowie den Black Beach mit einer DLC-Beschichtung. DLC steht für „Diamond Like Carbon“. Auch bei den Edelstahlhobeln der Life-Serie setzen wir PVD beziehungsweise
DLC-Beschichtungen ein.

Die Aviation-Serie wird farbig anodisiert und anschließend passiviert. Vereinzelt haben wir außerdem in unserer eigenen Werkstatt individuelle Titan-Sondereditionen durch Anodisieren für Kunden angefertigt.

Wenn Sie einem Kunden in zwei Sätzen erklären müssten, warum er einen Design94-Hobel kaufen sollte: Was würden Sie sagen?

Bei Design94 verbinden wir eine eigenständige Gestaltung mit sorgfältig entwickelter Rasiergeometrie, hochwertigen Werkstoffen und einer vollständigen Kontrolle jedes einzelnen Hobels. Wer großen Wert auf präzise Verarbeitung, sorgfältig veredelte Oberflächen und persönlichen Kontakt zum Hersteller legt, findet darin unseren besonderen Anspruch.

Die Konkurrenz aus China wird größer. Wie gehen Sie damit um?

Vor China sollte man sich nicht verschließen. Ich habe das Land über viele Jahre bereist und die Entwicklung verschiedener Märkte aufmerksam verfolgt. Dabei habe ich sehr unterschiedliche Qualitätsniveaus kennengelernt.

Es gibt einfach gefertigte Rasierhobel für das niedrige Preissegment. Gleichzeitig gibt es in China hervorragende Produzenten, die sehr hohe Qualität liefern, bestehende Konstruktionen weiterentwickeln und Produkte herstellen, die ich mir durchaus selbst ins Badezimmer stellen würde.

Diese Leistung verdient Respekt. Für Design94 bedeutet das, die Entwicklung aufmerksam zu verfolgen und den eigenen Anspruch konsequent weiterzuverfolgen. Die Qualität eines Produkts sollte man am Produkt beurteilen.

Was sind aus Ihrer Sicht die größten Herausforderungen der Nassrasurbranche in den nächsten fünf bis zehn Jahren?

Eine zentrale Herausforderung sehe ich im internationalen Handel. Aus meiner Sicht erschweren die globalen Entwicklungen den grenzüberschreitenden Verkauf zunehmend. Zusätzliche Einfuhrkosten können hochwertige Rasierhobel für Kunden erheblich verteuern.

Das betrifft beide Richtungen: Deutsche Kunden zahlen bereits viel für amerikanische Hobel und amerikanische Kunden müssen beim Kauf europäischer Produkte zusätzliche Importkosten berücksichtigen. Für kleine Hersteller mit vergleichsweise geringen Stückzahlen wird es dadurch schwieriger, international zu attraktiven Endpreisen anzubieten.

Was planen Sie für die Zukunft von Design94?

Ich möchte unser Rasursortiment weiterentwickeln: mit neuen Sets, neuen Rasierhobeln und vielleicht auch einer völlig neuen Art von Rasierhobel. Gleichzeitig möchte ich den Ursprung von Design94 bewahren – die Freude daran, schöne und funktionale Produkte zu gestalten.

Deshalb kann ich mir gut vorstellen, künftig auch weitere Beautyprodukte anzubieten, darunter Produkte für Frauen, die mit der Rasur nichts zu tun haben. Wir lieben es, schöne Dinge in Form zu bringen. Dieser Gedanke soll auch unsere zukünftigen Entwicklungen prägen.

Was ist Ihr Lieblingshobel, mit dem Sie sich rasieren?

Tatsächlich habe ich zwei Lieblingshobel. Der erste ist der Titanium in Naturgrau mit langem Griff. Für mich ist er optimal ausbalanciert und liefert das beste Rasurergebnis. Der lange Griff macht ihn außerdem sehr angenehm für die Körperrasur.

Mein zweiter Lieblingshobel ist ein Einzelstück, das ich für mich selbst gefertigt habe. Er verbindet die schwarzen Komponenten unserer Life-Serie mit einem Holzgriff. Das Holz stammt aus einem Teil des Grabkreuzes meiner Mutter. Dadurch hat dieser Rasierhobel für mich einen ganz besonderen emotionalen Wert: Er ist ein persönliches Erinnerungsstück, das mich im Alltag begleitet und auf stille Weise die Verbindung zu meiner Mutter bewahrt.

Vielen Dank für die Beantwortung der Fragen. Bühne frei für die Fragen unserer Mitglieder.

Wir haben im Forum einen thread, in dem Ihr weitere Fragen an Thorsten Klein von Design94 stellen könnt. Hier entlang zum AMA (ask me anything) thread.