OUMO ST-3 Test #018 (Fan, 25mm, roter Griff) – Vollständiger Testbericht Teil 3
Die Effizienz-These
Die wichtigste Erkenntnis dieses Vergleichs: Pinsel-Effizienz zeigt sich nicht in der absoluten Materialmenge, sondern darin, wie schnell und mit wie wenig Wasser die Ziel-Konsistenz erreicht wird – eine mechanische Eigenschaft der Faserstruktur, nicht nur eine Frage der Materialmenge.
- Der ST-2 nahm bei gleicher Ladezeit tendenziell zu wenig Material auf, was den Schaum porös machte.
- Der ST-3 nahm genau die richtige Menge für jede Wasserzugabe auf – "richtig dosiert".
- Der Wald A1 nahm objektiv wenig Material auf, verarbeitete es aber offenbar so effizient, dass trotzdem die perfekte Konsistenz entstand.
Eine Verfeinerung dieser These betrifft den ST-2 direkt: Er zeigte die höchste Wasserretention aller Pinsel, lieferte aber den schwächsten Lather – auf den ersten Blick ein Widerspruch zur "zu wenig Material"-Erklärung. Meine Hypothese: Es handelt sich nicht primär um Materialmangel, sondern um einen
Verdünnungseffekt durch Wasserüberschuss – wenn ein Knoten überproportional viel Wasser gegenüber der aufgenommenen Seifenmenge hält, verdünnt sich der Schaum automatisch, selbst bei normaler absoluter Seifenaufnahme. Hohe Wasserretention kann Lather-Qualität also verschlechtern, wenn das Wasser-Seife-Verhältnis nicht aktiv gegengesteuert wird.
Teil 4 – Die sieben Testtage
Fixer Plan: nur Face Lathering, kein Bowl-Lathering (das war ausschliesslich am Vorabend erlaubt).
Tag 1 – Ethos Apple Bourbon Bay Rum, Tiegel-Technik
Mittleres Backbone, guter Gesichtsschaum. Wassermanagement noch nicht optimal – Pinsel schleuderte gesprühtes Wasser eher weg, als es zu absorbieren.
Schaumbild
Tag 2 – Saponificio Varesino Felce Aromatica, Bloom + Tiegel
Gebloomt mit 2ml warmem Wasser, dann mit praktisch trockenem Pinsel aufgenommen. Materialaufnahme sehr gut, im Bereich von ST-1, tendenziell Richtung ST-1 EX. Der Protoschaum war hervorragend cremig-dicht – besser als ST-2 und ST-1, etwa auf ST-1-EX-Niveau. Der finale Schaum war cremig, joghurtartig und überraschend stabil, hielt die komplette Rasur.
Bemerkenswert: Sehr wenig Schaum wurde im Knoten selbst gespeichert, trotzdem war die Schaumabgabe ins Gesicht hervorragend – kontrolliert und gleichmässig statt hin- und hergeschoben (deckt Testpunkt 6, Lather Hold, ab).
Zwei Schwachstellen zeigten sich deutlich: Der Pinsel schleuderte aufgesprühtes Wasser aus dem Gesicht statt es zu absorbieren, was ständiges Nachsprühen nötig machte. Und der Testgriff wurde bei Nässe sehr rutschig – der Pinsel fiel sowohl an Tag 1 als auch Tag 2 aus der Hand.
Schaumbild
Tag 3 – Floris No. 89, Stick-Technik
Gebloomt, dann mit praktisch trockenem Pinsel direkt auf der Seife geladen. Die Ladezeit lag im Bereich von ST-1, knapp unter ST-1 EX. Bemerkenswert schnell entstand ein rasiercreme-ähnlicher Protoschaum bereits vor dem Gesichtskontakt – ohne zusätzliches Wasser.
Das Wassermanagement war spürbar besser: das Wegschleudern von Sprühwasser reduzierte sich deutlich, nur noch zu Beginn kurz spürbar. Ein weiteres Haar ging beim Gesichtsschäumen verloren (insgesamt 5 seit Testbeginn – 2 beim Vorabend-Handschäumen, 2 an Tag 1, 1 an Tag 3; danach kein weiterer Verlust bis Testende).
Für mich der bisher beste Tag: eine deutliche Einarbeitung war spürbar, auch im trockenen Zustand splaytete der Knoten schöner, das anfängliche "Flattop" verschwand zunehmend. Wichtig für die Einordnung: Die gute Rasurqualität ist primär das Verdienst der Seife, nicht des Pinsels – sobald der Pinsel den gewünschten Schaum zuverlässig herstellt, hat er seinen Job erledigt, und die eigentliche Rasurqualität liegt in der Verantwortung der Seife.
Schaumbild
Tag 4 – Mitchell's Wool Fat (Original Talg-Version), Bloom + Laden
Hinweis vorab: Sowohl die originale Talg-Version als auch die spätere vegane Version von MWF sind inzwischen beide nicht mehr erhältlich.
Sehr harte Seife, etwas mehr Ladezeit als bei Floris nötig, aber wieder eine gute, cremige Masse erreicht. Das Wassermanagement zeigte eine deutliche Verbesserung: nur noch 1-2 Wasserspritzer, praktisch keine Schaumspritzer mehr. Backbone und Splay blieben stabil und wunderbar präzise arbeitbar.
Der bessere Halt an diesem Tag war kein Zufall, sondern eine bewusste Grifftechnik-Entscheidung: Statt den Griff sauber von Seife freizuhalten (was ihn bei Nässe rutschig macht), habe ich bewusst so gegriffen, dass die Finger eingeseift werden – dafür lag der Pinsel deutlich sicherer in der Hand. Ein klarer Trade-off, keine Übungssache.
Der finale Schaum war stabil, cremig, joghurtartig – nach meiner Einschätzung der beste, den ich je mit einer Mitchell's-Talgseife erzielt habe. Kein weiterer Faserverlust.
Die Knotengrösse von 25mm empfand ich – wie auch andere Tester im FdR-Thread – als etwas zu klein; 27-28mm wären wohl optisch und praktisch besser gewesen. Das deckt sich mit OUMOs späterer Ankündigung, die Serie auf 27mm zu erhöhen.
Schaumbild
Tag 5 – Martin de Candre Original, Tiegel-Technik, ohne Bloom
Kein Bloom-Schritt, wie im Plan vorgesehen. Ladezeit etwas länger als bei anderen Synthetiks, aber kürzer als ST-2 – insgesamt sehr gute Aufnahme. Der Protoschaum entstand weiterhin auffallend schnell, bereits vor dem Gesichtskontakt fast rasiercreme-ähnlich. Der finale Schaum war sehr gut und ergiebig.
Eine wichtige, sehr lokal begrenzte Beobachtung: Die Faserspitzen fühlten sich verändert an – samtiger, weicher, fast wie ein gut eingearbeiteter Naturhaar-Pinsel. Das betrifft ausschliesslich die Spitzen der einzelnen Fasern, nicht den Knoten als Ganzes und nicht das Backbone, das über den gesamten Test unverändert stabil blieb. Meine Vermutung: eine Makroaufnahme würde vermutlich leichten Spliss an den Faserenden zeigen, was die veränderte Optik und Haptik erklären würde – eine mikroskopische Verifizierung war mir aber nicht möglich.
Meine Hypothese dazu, bewusst als unbestätigt gekennzeichnet: Der vermutete Spliss an den Faserspitzen könnte – analog zum bekannten Verhalten von Naturhaar- und Borstenpinseln – sowohl die zunehmende Weichheit als auch das verbesserte Wassermanagement erklären, das ich von Tag 1 zu Tag 5 beobachtet habe (nur noch zwei Tropfen ganz am Anfang weggeschleudert). Das ist eine plausible, aber unbestätigte Beobachtung.
Schaumbild
Tag 6 – Tabac (Original Talg-Version), Bloom + Laden
Gebloomt, dann Seife geladen. Die Ladezeit lag etwas über ST-1 EX, etwas unter ST-2. Der Protoschaum musste nicht zusätzlich gewässert werden – die Masse war von Anfang an sehr kompakt und dicht, eines der besten Protoschaum-Ergebnisse im gesamten Test. Der finale Schaum brauchte nur noch etwas Volumen und Glanz, ging schnell mit wenig Wasser.
Kleine methodische Klarstellung, die mir wichtig ist: Es geht hier nicht um klassisches Bowl- versus Face-Lathering, sondern um zwei unterschiedliche Ladetechniken, die beide im Gesicht aufgeschäumt werden – "Bowl/Tiegel-Technik" (Seife wird aus dem Tiegel aufgenommen, dann im Gesicht verarbeitet) versus "Stick-Technik" (Seifenstick wird direkt im Gesicht verrieben). Normalerweise erziele ich mit der Stick-Technik die besseren Ergebnisse. Die heutige Tiegel-Version mit dem ST-3 war aber überraschend gut – nicht weit hinter der Stick-Qualität, und insgesamt unter meinen Top-3 aller bisherigen Tabac-Gesichtsschäume überhaupt.
Der Pinsel war zu diesem Zeitpunkt vollständig eingearbeitet: berechenbar, kontrollierbar, auch der Griff bereitete keine Probleme mehr. Kein weiterer Faserverlust.
Schaumbild
Tag 7 (letzter Testtag) – HAGS Barberwood, Scoopen, ohne Bloom, Face Lathering only
Ohne Bloom, wie für diese Croap-artige Seife korrekt vorgesehen – kein Fehler, sondern methodisch richtig, da die Konsistenz naturgemäss weich ist. Die Ladezeit lag im normalen Rahmen der anderen Tage.
Zur Klarstellung: Nicht die Seifenbase selbst war klebrig, sondern das, was man aus ihr herausholt – der Protoschaum tendierte eher zur flüssigen als zur festen Seite von "cremig". Mit Wasserzugabe entstand zwar eine schöne cremige Masse, aber jede weitere Wasserzugabe verteilte sich dadurch sofort grossflächig.
Das war das ausgeprägteste Wassermanagement-Problem des gesamten Tests: Ein grösserer Teil der Rasurzeit ging fürs Wiedereinsammeln verlorenen Schaums drauf statt für den eigentlichen Aufschäum- und Auftrageprozess. Trotzdem reichte der Schaum am Ende völlig aus, und die Rasurqualität war sehr gut – auch mit einem eher aggressiven Rasierer war der Schaum praktisch perfekt: fliessend, schützend, gleitend.
Zur Einordnung: HAGS Barberwood liefert typischerweise einen eher "slick", weniger voluminösen Schaum – das gewohnte Volumen zu erreichen war also keine besondere Pinselleistung, sondern normal zu erwarten. Das eigentliche Problem war nicht die Herstellung des Schaums, sondern das Halten im Knoten. Meine Erklärungshypothese: Der 25mm-Knoten ist möglicherweise nicht dicht genug für diesen Seifentyp – besonders relevant für Nutzer, die den gesamten Schaum für mehrere Rasurdurchgänge auf einmal herstellen, während ich schrittweise pro Durchgang neu aufschäume, wofür die Knotendichte ausreichend war.
Kein weiterer Faserverlust. Gesamtfaserverlust über den kompletten Test: 5 Fasern.
Schaumbild
Teil 5 – Abschlussmessung (nach Testwoche)
Gleiche Methodik wie am Vorabend: Trocken → Voll → Ausgedrückt → 3× geschüttelt → Ausgeschüttelt → 3h → 6h → 16h. Kleine methodische Einschränkung: Aufgrund meines Arbeitsalltags konnte ich die 3h/6h-Fenster nicht mit exakt derselben Umgebungskontrolle einhalten wie am Vorabend – die Werte sind trotzdem verwertbar, aber diese Einschränkung soll transparent benannt sein.
| Stufe | Vorabend | Abschluss | Δ |
|---|
| Trocken | 89g | 89g | 0g |
| Voll (durchtränkt) | 107g | 109g | +2g |
| Ausgedrückt | 95g | 96g | +1g |
| 3× geschüttelt | 94g | 93g | −1g |
| Ausgeschüttelt | 91g | 91g | 0g |
| Nach 3h | 91g | 90g | −1g |
| Nach 6h | 90g | 89g | −1g |
| Nach 16h | 89g | 89g | 0g |
Kernaussage: Die Peak-Wasseraufnahme war nach der Testwoche minimal höher (+2g absolut, bzw. von 20,2% auf 22,5% relativ zum Trockengewicht gestiegen) – ein kleiner, aber konsistenter Unterschied. Deutlich auffälliger: Die Trocknungsgeschwindigkeit war spürbar höher. Während die Vorabend-Serie erst nach vollen 16h wieder exakt beim Trockengewicht landete, war das bei der Abschlussmessung bereits nach 6h der Fall – fast eine Verdreifachung der Trocknungsgeschwindigkeit.
Alle Δ-Werte zwischen den beiden Messreihen liegen bei maximal ±1,9% – nahe an der Messtoleranz meiner Waage (1g-Auflösung, was bei Werten um 90-110g ohnehin einer Schwankungsbreite von etwa 1% entspricht). Ich werte die Gramm-Feinheiten daher als unterstützendes Indiz, nicht als eindeutigen Beweis, für die an Tag 5 entwickelte Spliss-Hypothese. Die robusteste, klar über die Messtoleranz hinausgehende Beobachtung bleibt die Zeit bis zur vollständigen Trocknung (6h statt 16h) – das liefert die erste quantitative Unterstützung für die rein qualitativ/taktil geäusserte Vermutung von Tag 5, dass sich an den Faserspitzen etwas verändert haben könnte, das sowohl Weichheit als auch Wasserverhalten beeinflusst.
Teil 6 – Cross-Reference zu anderen Testern
Ein kurzer Blick über den eigenen Testrand hinaus lohnt sich. Mem aus London (Sample #028, 27mm, 55mm Loft, Medium-Dichte,
Bulb-Form) berichtete für sein Sample keine Probleme mit Wasser-Wegschleudern – im Gegenteil, eine kontrollierte, graduelle Wasserfreigabe ohne "Dumping". Das steht meiner eigenen Erfahrung mit dem Wegschleudern (besonders an Tag 1-2) zunächst gegenüber. Ich ordne das aber nicht als Widerspruch ein, sondern als formfaktor- bzw. konfigurationsabhängige Beobachtung: Mems Bulb-Form, grösserer Durchmesser und höherer Loft unterscheiden sich deutlich von meinem Fan/25mm/48mm-Sample. Mems Backbone-Einschätzung ("moderate, mehr als Cashmere, weniger als G5A/G5C") deckt sich dagegen sehr gut mit meiner eigenen "mittleres Backbone"-Einordnung.
Auch in diesem Thread zeigt sich ein gemischtes Bild:
@Garagenparker (#017, Fan) hatte eine deutlich negativere Face-Lathering-Erfahrung mit kompaktem statt voluminösem Schaum, während sein Bowl-Test hervorragend war – ein Hinweis darauf, dass Form/Blend-Kombinationen sehr unterschiedlich auf die beiden Anwendungsarten reagieren können. Oscar (#019, Fan, 51mm) berichtete von aussergewöhnlicher Sprungkraft und gutem Wasser-/Schaumhalt, ohne Verspritzen.
@SLCStr8Shaves (#044, Fan, 52,6mm) lieferte einen sehr methodischen Bericht mit einem direkten Vergleich zum Wald A1 (Spitzenweichheit fast gleichauf, aber der Wald deutlich besser verarbeitet).
Fazit
Der ST-3 (#018, Fan) ist ein Pinsel mit spürbarer Einarbeitungszeit – für mich der erste Synthetik-Knoten überhaupt, bei dem sich das so deutlich zeigt. Über die sieben Testtage hinweg hat er seine Kernaufgabe, zuverlässig einen cremigen, joghurtartigen Schaum zu produzieren, konstant gut erfüllt, unabhängig von Seifentyp und Ladetechnik. Backbone und Splay pendelten sich früh auf ein angenehmes, mittleres Niveau ein und blieben danach stabil.
Die grösste Schwäche liegt im Wassermanagement, besonders in den ersten Tagen und bei flüssigeren Seifenbasen wie HAGS – hier zeigte sich wiederholt ein Neigung, Wasser bzw. Schaum aus dem Knoten heraus zu schleudern statt es zu halten. Diese Tendenz besserte sich über den Testverlauf, möglicherweise im Zusammenhang mit dem vermuteten Spliss an den Faserspitzen. Die Knotengrösse von 25mm empfand ich als zu klein; OUMOs Ankündigung, in der Serie auf 27mm zu gehen, halte ich für die richtige Entscheidung.
Methodische Einschränkungen dieses Berichts: Der Föhntest (Testpunkt 7) wurde bewusst nicht durchgeführt, nur die natürliche Trocknung dokumentiert. Die Abschlussmessung unterlag leicht reduzierten Zeitfenstern gegenüber der Vorabend-Messung. Beide Punkte sind hier bewusst offen benannt statt verschwiegen.
Abschliessend möchte ich mich auch für die offene und ehrliche Kommunikation von OUMO bedanken – sowohl für die Entschuldigung bezüglich einzelner Aspekte des Testprozesses als auch für die Ankündigung eines künftigen, einladungsbasierten Testsystems mit engerer Kommunikation. Das zeigt, dass das Feedback der Testgemeinschaft ernst genommen wird, und ich freue mich auf mögliche künftige Zusammenarbeit.
Herzlichen Dank an Carry und das gesamte OUMO-Testteam für die Möglichkeit, Teil dieses Tests zu sein.