Forum der Rasur

Registriere Dich jetzt kostenlos!

Dadurch bekommst Du Zugang zu dem geschützten Mitgliederbereich, kannst beim Gebrauchtmarkt mitmachen und stellst nebenbei auch noch sicher, dass niemand Dir Deinen Wunsch-Usernamen wegschnappt.

Projekt "Stoppelvernichter 2000"

Mr. Helix

Active Member
Wie schon andernorts geschrieben, mache ich mir ab und zu ein eigenes Rasiermesser. Eine kleine Auswahl der geglückten Versuche hier:

Alle Messer sind von mir aus alten Feilen, Kugellagern oder C100S handgeschmiedet.

Der ein oder andere mag sich nun denken: Warum tut er das denn? Es gibt doch so hübsche Kamisoris oder auch normale Rasiermesser zu kaufen!

Die Antwort ist einfach: Damals als ich angefangen habe, wollte ich unbedingt ein Kamisori. Aber woher nehmen, wenn nicht stehlen. Denn der Goldtopf war kaum gefüllt. An qualitativ hochwertigen Werkzeugstahl bin ich günstig auf dem Flohmarkt mit Feilen gekommen, das metallurgische Wissen zu Wärmebehandlung ist da und auch Hammer und Amboss hatte ich. Also ist das Schmieden schon einmal kein Problem und die grobe Rasiermesserform kann man so hinbekommen.
Nun kam ich zum schwierigen Teil: Die Hohlung... Hier muss ich @Koraat danken, dass er seine WIP-Videos online gestellt hat. Hier habe ich mir abgeguckt, wie man an einem Bandschleifer eine Hohlung in ein Messer bekommt. Nun habe ich keinen Bandschleifer, der dafür geeignet wäre, weshalb bei mir ein einfacher Doppelschleifer herhalten musste. Das geht zwar auch, bringt einem aber vor allem verbrannte Finger. Aber es hilft ja nix.

So die Form ist nun vorhanden, die grobe Hohlung da, aber das Messer ist noch weich. Also wurde es gehärtet - ganz oldschool in der Kohleglut. Das ist enorm knifflig. Zum einen sind die Wandstärken extrem unterschiedlich. So kann es beim Abschrecken zu einer gewellten Schneide oder Rissen kommen oder zur Überhitzung der Schneide beim Aufwärmen. Zum anderen muss man bei den übereutektoiden Stählen aufpassen, dass der Stahl genau die richtige Temperatur hat. Zu warm führt zu Restaustenit und zu geringer Härte, zu kalt und die Härte stimmt auch nicht. Nachdem die Klinge nun hart ist, muss fix angelassen werden. Das habe ich ebenfalls über dem Kohlefeuer gemacht. Sehr knifflig, weil die dünne Schneide in Windeseile zu heiß wird. Bleibt sie aber zu kalt, gibt es Ausbrüche beim Schärfen.

Alle Schwierigkeiten, die ich gerade geschildert habe, habe ich selbst ausprobiert. So kam dann auf ein gutes Messer ein schlechtes mit Rissen, schlechter Hohlung, Ausbrüchen etc ....

Haut aber alle hin, bekommt man tatsächlich richtig gut rasierende Messer heraus. Schärfbarkeit ist immer super, die Schärfe allerdings oft noch gewöhnungsbedürftig, da ich den Schneidenwinkel nie zu 100% treffe und die Schneide oft recht agressiv ist.

Das Projekt ist noch nicht abgeschlossen! Als nächstes will ich ein rostfreies Messer machen und die Pläne, Stahlwahl etc. sind schon fix.
 

Anhänge

  • SANY1639.JPG
    SANY1639.JPG
    204,3 KB · Aufrufe: 10

shelob

Offebächer Messerstecher äh ne Rasierer
Moderator
FdR-Pate
Gold FdR-Pate
Respekt! Ich finde es wirklich klasse seine eigenen Messer zu schmieden.
Die Messer sehen auch noch wirklich klasse aus, die original Kamisoris mancher japanischen Meister unterscheiden sich jetzt optisch nicht so viel!

Wenn ich mal groß bin will ich das auch mal machen ;) aber bisher bin ich noch nicht über das kaufen einiger alten Feilen auf dem Flohmarkt hinaus gekommen. :D
 

Hellas

Klingenflüsterer
Moderator
Gold FdR-Pate
Sehr schöne Vorstellung und goodjob!

Und da ich bereits ein Kamisori von Mr.Helix ausprobieren dürfte - ich glaube es war das erste von links oder das mittlere - kann ich durchaus bestätigen, dass die Messer sehr gut zum rasieren geeignet sind. Und ja, auch das Messer war etwas aggressiv, aber das ist bei recht derben Messern nicht völlig unüblich und ich denke dass bekommt man mit etwas mehr "Feinarbeit" auf den Steinen durchaus noch wesentlich sanfter.

Mir liegt zwar die Kamisoriform nicht und ich bevorzuge klassische westliche Messer mit Erl und Angel aber :respect_schild
 

Alvaro

Writes More Here Than At Work
Ganz großes Kino daumenh!daumenh!daumenh!

goodjob!goodjob!goodjob!

Einfach toll wenn man so etwas kann, einfach beneidenswert.
Tolle Teile
 

maki72

Very Active Member
WOW
Das ist echt der Hammer, finde ich!
Den Rohling am Doppelschleifer hohlzuschleifen ist schon großes Kino!
Reschpeckt dafür!

Jeder Ausrufezeichen ist verdient :D
 

Großer

Writes More Here Than At Work
Wow, ich bin echt begeistert!
Messer aus eigener Herstellung :respect_schild
Muss ein tolles Gefühl sein, sich damit zu rasieren!!! Danke auch für den ausführlichen Text zur Herstellung. :daumenhoch
Planst du noch, ein Messer im westlichen Stil, also inkl Schalen zu basteln?
 

Alvaro

Writes More Here Than At Work
Ich hatte ja auch schon einmal das Vergnügen eines der Messer testen zu dürfen.
Aus dieser Erfahrung heraus kann ich sagen: Die sehen nicht nur gut aus. ER KANN ES!
 

Mr. Helix

Active Member
Danke für das ganze Lob und Staunen!

Nicht nur Staunen, einfach mal ausprobieren! Sooooo kompliziert ist das auch nicht. Das Rohmaterial scheinst du ja schon zu haben ;) . Wenn es dazu Fragen gibt, einfach fragen.

Es war das mittlere Messer. Das ist mir bisher von allen am besten gelungen.

Der Schliff ist bereits "westlich", also einigermaßen symmetrisch und recht dünn an der Schneide. Das mit den Schalen habe ich einmal probiert, aber zum Vernieten fehlt mir das Talent. Ich bekomme es einfach nicht hin, einigermaßen schöne Nietköpfe zu klöppeln und den Niet auch noch gerade zu lassen. Da bin ich noch am Grübeln, wie man das Vernieten geschickt umgehen kannt, sodass es trotzdem gut aussieht.

Dann fehlt jetzt nur noch der selbstgemachte Rasierpinsel und Rasierseife und schon bin ich unabhängig rasierensmilie (Beides ist bereits schon in Planung)
 

Großer

Writes More Here Than At Work

Nicht dein Ernst, oder? Messer schmieden und schärfen klappt, aber einen Niet vorsichtig festzuhämmern nicht? Ist nicht sooo schwer. Du könntest ja auch von Revisor bspw. vorgefertigte Nieten nehmen.
Wenn du aber keine Lust darauf hast, verstehe ich es und bin wieder leise :D

PS: Als Alternative hat @Alvaro das Verschrauben ja bereits angesprochen. Such doch mal nach "Buddel Razors".
 

Hellas

Klingenflüsterer
Moderator
Gold FdR-Pate

Mr. Helix

Active Member
20181120_193942.jpg

So, das ist nun herausgekommen. 75g Kampfgewicht, matt schwarz und rostfrei.

Der Weg dorthin:
- Schmieden eines Klötzchens 1.4112 (440B) in die grobe Form bei ca 1000°C => 45 min
-Einschleifen der Hohlung mit dem Baumarkt-Doppelschleifbock => 2,5h; der Stahl ist abartig zäh und verschleißfest und dementsprechend widerspenstig beim Schleifen
-dann kommt der knifflige Teil das Härten; rostfreier Stahl ist da schwierig, weil er gerne große Carbide bildet, die es dann unmöglich machen, die Schneide fein genug auszuschleifen
- Austentitisieren bei 1080°C 10min
- Abschrecken in Öl
- Austenitisieren bei 1060°C 15min
- Abschrecken in Öl; erreichte Härte ca 55 HRC (ist zwar wenig, macht aber nix ;) )
-Tiefkühlung bei -78°C für 1h, um den restlichen Restaustenit zu beseitigen => 56 HRC
- Anlassen bei 140°C für 1h
- Tiefkühlung bei -78°C für 45 min => 58 HRC
- Anlassen bei 180°C für 2h => 59 HRC
-dann nur noch Schärfen; leider habe ich dabei ein paar Stellen der schwarzen Oberfläche weggeschliffen :(
=> fertig! HHT klappt und Schneide wird glatt ohne Sägezähne und ist auch ausbruchfest

Morgen steht die erste Rasur an und ich bin sehr optimistisch, obwohl meistens von rostfreiem Stahl für Rasiermesser abgeraten wird.

Ihr seht also, dass der Weg zum eingenen Messer gar nicht schwer ist ;) . Wer traut sich von euch?


Da gibt es nicht mehr viel zu zeigen. Es fehlt nur noch ein Stück Bahnschiene als Amboss, ein Doppelschleifbock und ein Schraubstock.

Viele Grüße
Uli
 
Oben