Es gibt neues aus dem Natursteingarten…
Was sagt man, wenn man z.B. über etwas sehr erstaunt ist oder gerade etwas endlich doch geschafft hat? Ganz einfach…
…“alter SCHWEDE“
Vor kurzem hat mich ein kleines, feines Steinchen erreicht, das schon geraume Zeit auf einem meiner (nicht wenigen) Wunschzettelken stand, ein sogenannter „Schwedenstein“. So wurde er angeboten und nach meinen Recherchen und Vergleichen mit den mir zur Verfügung stehenden Quellen sehe ich das auch so. Entgegen den verschiedenen anderen originalen Thüringer Schärfsteinen, welche in den verschiedenen Foren speziell, im Netz allgemein beschrieben wurden und werden, ist das Thema „Schwedenstein(e)“ in seinen Umfängen und Beiträgen eher als sehr allgemein und wohl auch als spärlich zu bezeichnen. Da gibt es z. B. Aussagen zum Vergleich von „Schwedensteinen“ zu orig. Thüringer Schärfsteinen, die Selbige von weicher bis härter, von dunkler bis heller und letztendlich von feiner bis gröber bezeichnen. Die Aussagen und Indizien zur exakten Bestimmung sind also meiner bescheidenen Meinung nach eher einem „…vermutlich …“ zuzuordnen denn einem „…mit Sicherheit …“. Mag sein, dass es sich letztendlich doch um ein anderes Steinchen handelt, ist mir in der Endkonsequenz aber auch relativ egal. Kommen wir aber lieber zum eigentlichen Thema … das Schärfen auf dem „Schweden“ …
WICHTIGER HINWEIS(E) VORWEG:
Geschärft wurde ein bereits genutztes BÖKER Elite Carbon 3.0 und ein neues, bislang ungenutztes Ralf Aust. Im Nachfolgenden beschreibe ich aber im Wesentlichen „nur“ die Progression mit dem BÖKER, da sich bis auf Kleinigkeiten beide Progressionen letztendlich kaum bis gar nicht unterschieden haben. Fotografisch dokumentiert habe ich nur die Schliffbilder vom RALF AUST, selbige unterscheiden sich aber nicht oder nur unwesentlich vom BÖKER, daher „nur“ ein Satz Bilder.
Anfangs war eine erste, einfache Progression in Form einer Auffrischung und eines Finishs geplant. Dazu habe ich als ersten „Delinquenten“ mein BÖKER Elite Carbon 3.0 auserkoren, da mir bei der letzten Rasur damit doch ein Abbau der Schärfe aufgefallen ist und nach kurzem Studium meiner Unterlagen stellte sich auch heraus, dass die letzte Progression mit dem Messer im März 2025 war. Vor dem Startschuss kam wie immer vor einer Progression mit Hilfe des Mikros ein Blick auf die Facette zur Kontrolle. Oje, was ich da erblickte, war nicht schön, sondern eher bräunlich…rostbräunlich, um genau zu sein. Hier war es auch wieder, das Freud & Leid des Mikroskops: Die entdeckten Fleckchen hätten wahrscheinlich bei ihrer realen Größe noch eine lange Zeit gebraucht, um ohne Mikro erkannt zu werden oder entsprechend Schaden anzurichten. Dennoch war klar, mit einer Auffrischung war es nicht getan. In einem Bereich ging so ein „Fleckerl“ bis zur Wate, da schreit mein innerer Monk bereits lauthals ALARM und drängt zu einer Problembekämpfung. Also nix mit „nur auffrischen“, die Schadstelle wird beseitigt und somit die Facette komplett neu gesetzt.
Die Progression
- 1 x Tape
- SHAPTON Glass 1K — Facette neu setzen
- SHAPTON Glass 4 & 8 K
- Schwedenstein stationär, klares Wasser
- Schwedenstein unter fließendem Wasser, final mit 2 × Tape
- Ledern auf QUERCUR Shell Cordovan – SM-Riemen № 5 – QUERCUR Shell Cordovan
Der erste Teil mit Facettensetzen und bis zum SHAPTON-Glas 8K war unspektakulär und problemlos, interessanter wurde es danach. Die ersten Wechselschübe auf dem Schweden waren eher dem Kennenlernen geschuldet als dem Start der eigentlichen Progression. Bei den ersten Runden gab der Stein auch ein Feedback, welches ich ehrlich gesagt etwas anders erwartet hätte. Erwartet habe ich ein samtig-weiches Verhalten, einem Thüringer vergleichbar halt, stattdessen habe ich ein eher raues Verhalten, auch vom akustischen Eindruck her, einen hellen, fast als „blechernd“ zu bezeichnenden Klang vernommen … schwierig zu beschreiben. Nach gut 1–2 Sätzen mit Wechselschüben ging es dann mal zur Kontrolle unters Mikro. Ihr könnt mir glauben, wenn ich das, was ich da sah, doch als gleichermaßen erschreckend und verwirrend bezeichne. Dass die Politur vom 8K hinfällig sein wird, war mir ja klar und ist ja auch logisch, aber ich habe nicht mit einem Schliffbild gerechnet, das da eher einem 1K gleicht, denn einem Thüringer. Da kamen mir schon die ersten Gedanken: „Dieser Stein taugt nicht.“ Allerdings griff in dieser frühen Phase da sofort mein Spieltrieb ein und sagte mir: „…am Ende zählt nur die Rasur“, also ging es weiter. Es folgten gut 2 Durchgänge mit meiner bekannten Vorgehensweise „16⇅ & 3⇅“*1, ergänzt durch Korken und Zwischenledern auf dem „Spanier“. Am Ende ein erster HT … naja, letzteres funktionierte eher widerwillig.
Nach diesen Durchgängen überlegte ich, wie ich weiter vorgehen sollte, und kam zu dem Entschluss, vom stationären Einsatz her jetzt schon mit fließendem Wasser zu versuchen. Was dann bereits nach wenigen Wechselschüben passierte, kann ich mir bis jetzt nicht wirklich erklären. Das Feedback vom Stein veränderte sich sofort und unmittelbar, es wurde tatsächlich samtiger, weicher und vor allem auch vom Gefühl her um ein Vielfaches angenehmer. Ebenso wechselte auch meine Laune und ein gewisses „Na bitte, wird doch“-Grinsen überkam mich. Ein Blick unters Mikro zeigte auch bereits nach 3 Sätzen eine positive Änderung im Schliffbild. Die vorher ja als eher scharfkantig zu bezeichnenden Riefen gingen in feine, eher abflachende, rundliche über, die von einem Thüri nicht unähnlich. Was folgte, war natürlich ein HT, und siehe da … diesmal funktionierte selbiger auf ganzer Länge. Schon fast etwas übermütig entschloss ich mich, zum Finish überzugehen, also ein zweites Tape drauf und für gut 3 Sätze nochmals unter fließend Wasser. Am Ende erfolgte ein ausgiebiges Ledern im Wechsel mit dem SPANIER*2 – SM-Riemen № 5 – Spanier. Mit einem sehr guten HT als Abschluss war diese Progression, die nicht sehr erfolgversprechend begonnen hatte, doch noch zu einem vielversprechenden Ergebnis gekommen.
Anm.: Bei der Progression mit dem RALF AUST gab es vom Ablauf her kaum bzw. nur marginale Unterschiede.
Die Bilder zeigen den Fortschritt der Progression mit RALF AUST Rasiermesser
Die RdT‘s mit beiden Messern
Das BÖKER (RdT vom 22.01.26):
Die ersten Züge mit dem BÖKER zeigten bereits, dass es noch nicht an die Schärfe eines Messers herankommt, das auf einem originalen Thüringer gefinisht wurde. Was aber gleich ist, war das sehr sanfte und völlig reizfreie Rasurverhalten. Nachdem ich beim 1. Durchgang (mit dem Strich) dann den Winkel des Messers flacher und die Züge etwas kürzer gestaltete, wurde auch die schon gute Gründlichkeit besser. Im 2. Durchgang (gegen den Strich) war aber dennoch erkennbar, dass es an etwas Schärfe fehlt. Die Rasur wurde nicht unangenehm, nur war merklich mehr Widerstand der Klinge zu spüren. Auch das „Zaubern“ (Ausputzen) war, bis auf meine bekannten Problemzönchen wie Kinnkante und Ober- und Unterlippenbereich (hier gegen den Strich), ohne Probleme.
Das RALF AUST (RdT vom 24.01.26):
Mit dem R.Aust lief es bereits ein wenig besser, hier sind ja beim Schärfen bereits die Erfahrungen vom BÖKER mit in die Progression eingeflossen. Beim ersten Durchgang (mit dem Strich) konnte ich durchaus einen steileren Winkel nutzen und die Gründlichkeit hat zugenommen. Auch beim 2. Durchgang (gegen den Strich) wahr die bessere Schärfe merkbar, beim BÖKER war „gegen den Strich“ ja nicht unangenehm oder gar schlecht, dennoch sind Unterschiede zum R.AUST zu erkennen, auch beim „Zaubern“, sprich beim Ausputzen war es in meinen Problemzönchen gegen den Strich deutlich angenehmer. In Gänze betrachtet, eine sanfte, gründliche Rasur ohne jegliche Reizungen.
Erkenntniss(e) & Fazit:
Zuallererst einmal hat sich bei dem Schweden wieder eins bewahrheitet…Erwartungen bei neuen & fremden Steinchen niemals zu hoch ansetzen, auch ein Stein will erst einmal kennengelernt werden, wenn es dann immer noch nicht so funktioniert, wie es soll oder wie man es sich vorgestellt hat, unbedingt dranbleiben und einen anderen als den ursprünglichen Weg gehen. Dieser Schwedenstein funktioniert gut, das steht schon mal fest, ich musste halt nur kurz über den Rand der eigenen Rasierschüssel gucken. Er kommt (noch) nicht an die Top Ergebnisse meiner Thüringer heran, das war wohl auch nicht unbedingt zu erwarten. Was er aber im Vergleich zu den Thüris aber locker schaft, ist es, ein sehr angenehmes, sanftes Rasurverhalten zu erzeugen. Ich gehe auch mal davon aus, dass die Ergebnisse nach weiterem „kennenlernen“ mit Sicherheit auch noch in Sachen „Schärfe“ um einiges besser werden.
Ich bin fest davon überzeugt, dass solch ein Stein noch vor gar nicht allzu langer Zeit nahezu jedem Nutzer eines Rasiermessers zur vollen Zufriedenheit gereicht hätte, besonders wenn man sich das PLV vor die Stöppelkes hält…
Vielen Dank und Gruß
Gregor
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Schärf-Legende:
1 Satz sind immer 10 Wiederholungen (10x), egal ob Einzelschübe, Wechselschübe, Doppelzüge oder was auch immer womit wodrauf gemacht wird.
*1) Ein Durchgang „16⇅ & 3⇅“ bedeutet:
16 Schübe/Züge auf einer Seite, dann Seitenwechsel und 16 Schübe/Züge auf dieser Seite. Dann geht es alternierend jew. -2 Schübe/Züge bis runter auf die 0. Die 3 bedeutet 3 Sätze á 10 Wechselschübe/-Züge
*2) Der Spanier = QUERCUR Shell Cordovan