Mühle R89: Der schöne Schein. Man kann den Mühle R89 stundenlang in der Hand drehen und ihn bewundern: Wie fein ziseliert der Griff ist, wie klassisch harmonisch die Formen sind, wie perfekt glatt die Verarbeitung. Man fühlt sich als guter, edler ja richtiggehend adeliger Mensch da man damit ein zeitloses und dadurch unvergängliches Produkt eines hoffentlich genauso unvergänglichen deutschen Herstellers in Händen hält. Alleine am Schriftzug „Mühle“ kann man sich ewig ergötzen, man ersäuft geradezu im Manufactum-Gutmenschen-Gefühl: So ist sie, die unvergänglich perfekte, traditionelle Deutsche Wertarbeit. Dieser Rasierhobel ist eine seit Jahrhunderten nicht weiter verbesserbare Ikone, ganze Generationen kurzlebiger Berater haben sind die Zähne daran genauso ausgebissen wie asiatische Plagiatoren: Hier steht er, der gute deutsche Traditionsrasierer, der den bösen Internetchinesen die Stirn bietet – die könnten wahrscheinlich nicht mal das „ü“ in „Mühle“ fehlerfrei fälschen, von den hauchzarte Ziselierungen mit Arabesken aus vorbiblischen Magiebüchern ganz zu schweigen. So kann man ewig weiterschwärmen und sich richtig gut fühlen. So ging es mir auch, denn es war mein erster Rasierhobel und ich dachte, damit sofort zielsicher die Krone der Schöpfung erreicht zu haben. Aber leider kam irgendwann der Moment der Benutzung – und seitdem ging es mit unserer Beziehung steil bergab: Trotz optimaler Vorbereitung erlitt ich immer signifikanten Blutverlust, meist seitlich am Hals. Nur widerwillig habe ich den äußerlich etwas ungehobelten Merkur 23c (mit archaischer Rautenprägung!) im ansonsten stets identischen Setup im direkten Wechsel verglichen – und jede Rasur hat eine dicke Schicht der optisch/haptischen Begeisterung für den R89 abgehobelt: Bereits mit dem Merkur 23c als oft ähnlich beschriebenen Einsteigerhobel und besonders ausgeprägt natürlich insbesondere mit meinen anderen später erworbenen hochwertigen Rasierhobeln kam ich um Welten besser zurecht und konnte gezielt die Technik zur Erzielung von Gründlichkeit ohne Blutverlust optimieren. Anders beim R89: Weder im Zweigang- noch im Dreigangbetrieb ist mir eine gründliche Rasur ohne massiven Blutverlust möglich. Daran haben ausgiebige Versuchsreihen mit unterschiedlichsten Vorbereitungen, Klingentypen und Anstellwinkeln nichts geändert, selbst eine längere Pause zur Entspannung der angespannten Beziehung hat leider nichts gebracht. Der äußerst stylish verarbeitete Griff ist zwar, wie oben beschrieben, im Trockenzustand deutlich schicker als der optisch zunächst etwas ruppige Griff des Merkur 23c, wird aber im Rasierbetrieb schnell glitschig. Ursprünglich hatte ich noch vor, der R89 mit den hierfür empfohlenen Klingen BIC/Wilkinson Classic/Treet Carbon zu testen (und diese sogar extra hierfür bestellt) – aber dann ist mir doch der wissenschaftliche Ehrgeiz abhandengekommen und ich habe den R89 gegen anderes Rasierequipment eingetauscht. Man kann sich jetzt darüber wundern, warum ich soviel über einen Rasierer schreibe der mir nicht taugt – ganz einfach: Ich habe mich so lange und intensiv mit diesem Rasierhobel beschäftigt, dass ein kurzes „Taugt mir nicht“ dem einfach nicht gerecht werden würde. Wenn ich irgendwann nochmal an einen R89 hinlaufe, dann werde ich ihn mit den passenden Klingen testen. Versprochen.